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Arm und abgebrannt in den USA

Uncle Sam in den Klauen der Wirtschaftskrise

Dorothea Lange. Unterkunft mexikanischer Pflücker direkt neben einem gefrorenen Erbsenfeld, Imperial Valley, Imperial County, Kalifornien, März 1937.
Dorothea Lange. Unterkunft mexikanischer Pflücker direkt neben einem gefrorenen Erbsenfeld, Imperial Valley, Imperial County, Kalifornien, März 1937.
Amerika in den Klauen der Großen Depression – sozialdokumentarische Fotografie aus den Jahren 1935-1943.

Am 24. Oktober 1929, einem kühlen, aber sonnigen Herbsttag, stattete der britische Schatzmeister Winston Churchill der Wall Street einen Besuch ab. Hier hatte sich nach extremen Kursschwankungen schon seit Tagen Nervosität breitgemacht. An jenem Morgen begann der Handel zunächst ruhig.

Doch gegen elf Uhr setzte eine panische Verkaufswelle ein. Der spätere Premierminister erinnerte sich in seinen Memoiren: „[Die Händler] bewegten sich wie ein aufgestörter Ameisenhaufen, sie boten einander enorme Mengen an Wertpapieren zu einem Drittel des einstigen Preises und zur Hälfte des aktuellen Werts an, nur um Minuten später festzustellen, dass niemand mutig genug war, diese einmalige Gelegenheit zu nutzen.“ Mehrfach brach der Handel an diesem Tag zusammen, in nur zwei Stunden waren über elf Milliarden Dollar vernichtet.

Der Schwarze Donnerstag, der sich tags darauf in Europa als Schwarzer Freitag fortsetzte, markierte den Ausgangspunkt einer Kette von katastrophalen Entwicklungen, die zum Zusammenbruch der globalen Wirtschaft führten. Mit ihm begann die Zeit der Weltwirtschaftskrise, der Great Depression, die in den Vereinigten Staaten erst mit Eintritt des Landes in den Zweiten Weltkrieg überwunden war.

Nachdem das Kartenhaus zusammengefallen war, griff Panik auf alle Bereiche der Ökonomie über. Banken liehen kein Geld mehr, Firmen mussten schließen, die Arbeitslosigkeit stieg auf 25 Prozent, die Durchschnittslöhne fielen bis 1932 um mehr als die Hälfte, allein 1933 mussten über 4.000 Banken Konkurs anmelden.

Besonders hart traf es die Landbevölkerung. Bereits in den 1920er-Jahren waren die Farmer in Bedrängnis geraten. Große Nachfrage im kriegszerstörten Europa hatte eine Überproduktion stimuliert, die zu sinkenden Preisen führte, nachdem der Absatz in das sich langsam wieder erholende Europa ins Stocken geraten war. Die private Schuldenlast zwang in den kommenden Jahren jeden vierten Farmer, seinen Besitz zu verkaufen. Mit einem Schlag waren die Familien ihrer wirtschaftlichen Existenzgrundlage beraubt.

Zusätzlich machten den Farmern Naturkatastrophen zu schaffen. Um mehr Anbaufläche zu gewinnen, waren große Flächen von Präriegras gerodet worden, das mit seinen tiefen Wurzeln die oberen Bodenschichten geschützt hatte. Anhaltende Hitze- und Trockenperioden führten in den 1930er-Jahren dazu, dass in großen Bereichen der Great Plains der Boden erodierte. In den Sandstürmen wurden die Bewohner der sogenannten Dust Bowl regelrecht zugeweht. Ihnen blieb nichts weiter übrig, als ihr Land aufzugeben und auszuwandern, vorwiegend nach Kalifornien. 1936, auf dem Höhepunkt der Katastrophe, verließen über zweieinhalb Millionen Menschen ihre Heimat.

Marion Post Wolcott. Vom Gesundheitsamt für unbewohnbar erklärte Baracken, zuvor bewohnt von Wanderarbeitern und Pflückern, Belle Glade, Florida, Januar 1941.
Marion Post Wolcott. Vom Gesundheitsamt für unbewohnbar erklärte Baracken, zuvor bewohnt von Wanderarbeitern und Pflückern, Belle Glade, Florida, Januar 1941.


Landwirtschaft wurde zu einem zentralen Feld der Innenpolitik. Roosevelts Politik des New Deal versuchte, diese Stimmung aufzufangen und sie gleichzeitig für Reformvorhaben zu nutzen. Neben sozialstaatlichen und arbeitsrechtlichen Interventionen wurden vor allem Programme entwickelt, die den verelendeten Farmern und Pächtern helfen sollten.

Auf Anregung des Ökonomen Rexford Tugwell gründete Roosevelt 1935 die Resettlement Administration, die 1937 in Farm Security Administration (FSA) umbenannt wurde. Sie sollte die Umsiedlung der Farmer aus den Regionen der Dust Bowl organisieren. Um diesen Vorgang zu dokumentieren, wurde eine Historische Sektion etabliert, zu deren Leiter Tugwell seinen früheren Assistenten an der Columbia University, Roy Stryker, berief.

Das Anliegen Strykers war es, ein Zeitbild des ländlichen Amerika an der Schwelle zur Moderne zu überliefern. Besonders geeignet dafür schien ihm die Fotografie. Obwohl selbst kein Fotograf, sondern Ökonom von Beruf, war er schon früh vom Wert der Fotografie für die Veranschaulichung ökonomischer Zusammenhänge überzeugt. Sein FSA-Projekt wuchs zur umfangreichsten Sammlung sozialdokumentarischer Fotografien des 20. Jahrhunderts.

Während der Jahre 1935 bis 1943 arbeiteten mehr als 40 Fotografen im Rahmen der FSA-Kampagne, zum eigentlichen Kern gehörte jedoch nur etwa ein Dutzend Personen. Arthur Rothstein, der als Leiter des Labors begann, Walker Evans, Theodor Jung, Dorothea Lange, Carl Mydans (dessen Platz nach einem Jahr Russell Lee übernahm) und Ben Shahn waren die ersten Fotografen, die Stryker engagierte. Später kamen Jack Delano, Marion Post Wolcott, John Vachon, Gordon Parks und einige andere hinzu. Bei der Auswahl der Fotografen ging Stryker nicht systematisch vor, einige, wie Walker Evans oder Ben Shahn, hatten bereits vorher für Behörden gearbeitet, andere, wie Arthur Rothstein, kannte er aus seiner Zeit an der Columbia University, auf Dorothea Lange war er durch deren Arbeiten in Kalifornien aufmerksam geworden.

Unabhängig von der jeweiligen persönlichen Nähe haben viele am Vorhaben beteiligte Fotografen die kollegialen Qualitäten Strykers hervorgehoben, so etwa Dorothea Lange 1964 in einem Interview: „Roy Stryker [...] besaß einen Instinkt für das Wesentliche. Und er passte wie ein Wachhund auf seine Leute auf. Wenn man dort angestellt war, gehörte man zu seinen Leuten, und er war ein Wachhund, und zwar ein guter.“

Die Fotografen bekamen von Stryker nicht nur Lektionen und Lektüreempfehlungen, sie wurden auch mit shooting scripts auf die Reise geschickt, relativ konkreten Anweisungen, was sie fotografieren sollten. Ein Skript von Stryker für die fotografische Dokumentation in einer Kleinstadt sah zum Beispiel vor, bestimmte Orte und Einrichtungen im Bild festzuhalten wie Theater, Geschäfte, Autowerkstätten, Friseurläden, das Rathaus, das Gefängnis, die Feuerwache – oder auch Hydranten und Verkehrsschilder. Andere Anweisungen beinhalteten, Menschen in ihrem Freizeitverhalten zu dokumentieren.

Die Fotografen sandten die Filme zur Entwicklung an das Fotolabor der Sektion nach Washington und bekamen Kontaktbögen zurück mit dem Auftrag, für die von Stryker markierten Fotos Bildunterschriften zu verfassen.

In der Vorstellung Strykers verhielt sich die Fotografie der von ihm engagierten Fotografen zur Pressefotografie „wie Adjektiv und Adverb zu Substantiv und Verb“. Während die Pressefotografen den Gegenstand und das Geschehen mit einer konkreten Abbildungsabsicht fotografierten, fingen die FSAFotografen eher den Geschmack und den Geruch der Szenerie ein. Stryker: „Die Aussage ist umfassender – häufig eine Stimmung, ein Akzent, häufiger noch eine Skizze und nicht selten eine ganze Geschichte.“

Doch bereits seit 1941 wuchs der Legitimationsdruck auf die FSA. Stryker verlegte sich in dieser Zeit auf die Dokumentation von Verteidigungsaktivitäten, was Budgetkürzungen nicht abwenden konnte. Nach der Eingliederung in das Office of War Information hatte er überdies kaum noch Möglichkeiten, Einfluss auf die Auswahl von Motiven zu nehmen. In dieser Zeit sorgte er dafür, dass die Sammlung, zu der jetzt auch die Fotos des OWI gehörten, von der Library of Congress übernommen werden konnte. Damit war die aktive Phase des FSA-Projekts beendet. In den kommenden Jahrzehnten geriet die Fotodokumentation in der Öffentlichkeit in Vergessenheit. Allein die Ikonen der FSA-Fotografie blieben im Bildgedächtnis auch der nachfolgenden Generationen: die Heimatlose Mutter von Dorothea Lange, Arthur Rothsteins Dust Storm, Walker Evans’ New-York-Fotos, aber auch Gordon Parks’ Serie aus dem Leben der Ella Watson. Die MoMA-Ausstellung von Steichen gab 1962 den Anstoß für die Wiederentdeckung der Sammlung. Seither gab es immer wieder Bücher mit FSA-Fotos, die zumeist den Schwerpunkt auf einzelne Fotografen, Regionen oder Themen legten.

Gemeinsam zeugen die Bilder von dem Mut eines Landes, in Zeiten großer Not der eigenen Schwäche ins Auge zu sehen und daraus die Kraft für einen Neuanfang zu schöpfen.

Durch diese Reisen und die Fotos lernte ich die Vereinigten Staaten mehr zu lieben, als es auf irgendeine andere Weise möglich gewesen wäre.“ — Jack Delano

© Alle Bilder: US Farm Security Administration/Office of War Information/Office of Emergency Management/Resettlement Administration Black & White Photographs (Prints and Photographs Division, Library of Congress, Washington, D. C.)
Arthur Rothstein. Salem, Illinois, Februar 1940.
Arthur Rothstein. Salem, Illinois, Februar 1940.