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Wasser mit Balken

Christo spricht mit TASCHEN über die Verwirklichung eines alten Traums

Christo, Floating Piers, 2016.
Christo, Floating Piers, 2016.
Christo, Floating Piers, 2016.
Christo, Floating Piers, 2016.
Der Iseosee in Norditalien ist nicht so bekannt wie sein Vetter, der Comer See, auf der anderen Seite der Berge. Er ist geringfügig kleiner, etwas stiller, und an seinen Ufern residiert weniger Prominenz. In diesem Sommer jedoch wird die himmelblaue Wasserfläche zum Schauplatz eines der Kunstereignisse des Jahrhunderts.

Zwischen dem 18. Juni und dem 3. Juli 2016 erstrecken sich mit Christos und Jeanne-Claudes The Floating Piers insgesamt drei Kilometer Stoffsteg von den Ortschaften Peschiera und Sulzano am Seeufer über den See zu der Berginsel Monte Isola und zu dem winzigen Nachbarinselchen San Paolo.

Wenn der erste Besucher diesen schimmernden, schwankenden Steg betritt, dann erlebt er nicht nur das Ergebnis einer komplizierten technischen und logistischen Planung, sondern auch einer beharrlichen kreativen Vision von Christo und Jeanne-Claude. „Jeanne-Claude und ich verwirklichten zusammen 22 Projekte“, berichtet Christo, „aber für 37 erhielten wir keine Genehmigung. Einige der Projekte wurden abgelehnt, aber sie blieben in unseren Herzen und in unseren Köpfen. Das ist die Geschichte von The Floating Piers.“

Das Paar regte schon 1970 mit einem Aufblassteg für das Delta des Río de la Plata in Buenos Aires eine schwimmende Oberfläche auf einem stillen Gewässer an. Das Projekt wurde aber nie verwirklicht. Dann versuchten sie es noch einmal 1995, kurz nach Fertigstellung von Wrapped Reichstag in Berlin, mit einem Entwurf für mehrere Schwimmstege im Daiba-Gebiet der Bucht von Tokio. Aus verschiedenen Gründen wurde auch dieses Projekt kurzfristig abgesagt.

Im Jahr 2014, fünf Jahre nach Jeanne- Claudes Tod, fuhr Christo durch Norditalien und schaute sich den Iseosee an. Neben der idyllischen Lage und dem kristallklaren Wasser hat der See mit seiner 400 Meter hohen Berginsel Monte Isola auch die höchste Insel Europas innerhalb eines Süßwassergewässers zu bieten. „Sie ist so hoch wie ein Wolkenkratzer in Manhattan!“, staunt Christo. So entschloss er sich zu einem neuen Anlauf mit dem alten Projekt.

Am Anfang wurde The Floating Piers noch geheim gehalten. An verschiedenen Orten in Norddeutschland und im Schwarzen Meer wurden Tests durchgeführt, um die Anordnung, Stabilität und Verankerung der schwimmenden Würfel auszuloten, die endgültige Dicke zu bestimmen und die dahliengelbe Farbe des Stoffüberzugs festzulegen.

Das Vorhaben wurde im April 2015 publik gemacht, und seither geht es am Iseosee hoch her. Lastwagen brachten die Schwimmwürfel für die Stege von den Fertigungsfabriken zum Projekthauptquartier in Montecolino. Hunderttausend Quadratmeter gelber Stoff und mit Laser zugeschnittene PVC-Streifen wurden zu Bahnen zusammengenäht. Stegteile wurden miteinander verschraubt, und stählerne Dreiecksstücke ermöglichen sanfte Kurven im Verlauf der Stege. Hinzu kommen 190 Anker mit einem Gewicht von jeweils fünf Tonnen, die die Stege auf dem Seeboden sichern, der an seinem tiefsten Punkt 270 Meter unter der Wasseroberfläche liegt. Um das Spiel von Licht, Farbe und Oberfläche zu verstärken, entschloss sich Christo, 20Prozent mehr Stoff zu verwenden, als die Gesamtlänge der Stege verlangt. Er legte das Projekt auch zeitlich in die Wochen um die Sommersonnenwende, also mit dem meisten Tageslicht, um die sich verändernde optische Wirkung zu maximieren. „Der See besitzt eine konstante Feuchte, und die Farbe reagiert und verändert sich ständig. Er glüht am Morgen rot und durchläuft im Laufe des Tages Gold- und Gelbtöne.“

Für Christo ist diese Wechselwirkung zwischen dem Steg und der Umgebung des Iseosees ein wesentlicher Bestandteil des Projekts. Das Kunstwerk appelliert ganz offen an die Besucher, sich selbst durch den Raum zu bewegen. Die Stege sind so angelegt, dass sie den Besucher einladen, sich zu nähern. „Gerade Linien sind für das Projekt sehr wichtig. Die Stege wirken sehr einladend, gebieterisch. Es dreht sich alles um das Spazieren. Wenn man die Stücke an Land mitrechnet, muss man fünf Kilometer laufen, um das Projekt zu würdigen, die ständig wechselnden Ansichten, den See, die Berge, die anderen Besucher. All diese Dinge bilden zusammengenommen das Kunstwerk in seiner Endform.“

Das Erlebnis wird ebenso fühlbar wie sichtbar sein. „Am besten läuft man barfuß. Um die Wellenbewegung und das Material zu spüren. Es ist gespenstisch und erotisch zugleich.“

Es ist auch ausdrücklich befristet. The Floating Piers wird 24 Stunden am Tag geöffnet sein, aber nur 16 Tage lang. Sämtliche Bauteile werden entfernt und wiederverwertet. Das Vergängliche ist wesentlicher Bestandteil der Kunst von Christo und Jeanne-Claude. „Wir werden von beweglicher Kunst überflutet, von Kunstmärkten bis zu Wanderausstellungen. Aber Menschen lieben das Einzigartige: Dinge, die einmal passieren und nie wieder.“

Die Dokumentation von The Floating Piers wird das gesamte Konzept umfassen, die Planung, die Umsetzung und letztlich den Bau dieses buchstäblich einmaligen Wunderwerks zu Wasser. Eine Collector’s Edition, die nach Abschluss des Projektes veröffentlicht wird, wird von Christo selbst entworfen sein.

Die Bücher reihen sich in eine umfangreiche Christo-und-Jeanne-Claude-Bibliothek ein, in der unter anderem bereits The Gates,Umbrellas, Wrapped Reichstag, Wrapped Trees und die als Collector’s Edition erschienene Monografie Christo and Jeanne-Claude erhältlich sind.

„Wir lernten Benedikt 1994 kennen, während unseres letzten Anlaufs, die Genehmigung für Wrapped Reichstag zu bekommen“, erinnert sich Christo. „Es war eine so wichtige Beziehung. Die Bücher sind integraler Bestandteil jedes Projektes. Sie sind wie Werkzeuge … Buchquellen des kreativen und technischen Prozesses.“

Vom 4. Juli an, nachdem die Stege abgebaut wurden, die Besucher gegangen sind und der glitzernde Stoff wieder am Ufer zusammengerollt ist, wird The Floating Piers auch die offizielle Dokumentation eines Ereignisses und eines Erlebnisses sein, das nie wieder stattfinden wird. Die Pläne, Skizzen und Fotos werden bezeugen, dass etwas, was einst als unmöglich galt, schließlich doch schwimmen lernte.

Bald erhältlich (voraussichtlich Frühjahr 2017): Eine Collector's Edition, die die vollständige Entstehungsgeschichte dieses vom Wasser getragenen Kunstwerks zu dokumentiert. Bei Interesse kontaktieren Sie uns unter collectors@taschen.com.