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Aus den Spinnstuben der Fantasie

Die einzigartigen Kunstmärchen von H.C. Andersen

„Die Schneekönigin“ – Illustration von Kay Nielsen, Dänemark, 1924.
„Die Schneekönigin“ – Illustration von Kay Nielsen, Dänemark, 1924.
Die einzigartigen Kunstmärchen von H. C. Andersen
In einem seiner berühmtesten Märchen, der Geschichte „Das hässliche, junge Entlein“, brachte Hans Christian Andersen seinen eigenen Lebenslauf auf den Punkt: „Es schadet nichts, in einem Entenhofe geboren zu sein, wenn man nur in einem Schwanenei gelegen hat.“ Andersen, 1805 in Armut geboren, war ein wenig ansehnlicher Sonderling, der vor Ehrgeiz brannte und alles daransetzte, mittels seiner künstlerischen Talente seinen Unterschichtwurzeln zu entkommen. Am Ende seiner Tage war er ein gefeierter Mann, der mit Königen verkehrte. Heute gilt er als der bekannteste skandinavische Schriftsteller überhaupt. Doch die Geschichte seines märchenhaften Aufstiegs war gezeichnet von einer Kindheit, in der er verkannt und misshandelt wurde, von tiefem Seelenschmerz und Herzenskummer, und darin lag die Antriebsfeder seiner Ambitionen. Während diese Erfahrungen in ihm ein unstillbares Bedürfnis nach Anerkennung weckten, gingen aus seinem glänzenden Talent als Geschichtenerzähler und seinem Gespür für Alltagssprache Märchen einer völlig neuen Art hervor, mit denen er seit seiner ersten Veröffentlichung im Jahr 1835 Millionen von Lesern für sich gewann.

Die Spinnstube als Schule des Zuhörens
In der Irrenanstalt von Andersens Heimatstadt Odense spannen die alten Frauen, während sie ihre Garne herstellten, zu ihrer eigenen Unterhaltung Geschichten. Während Andersens Großmutter väterlicherseits dort den Garten bestellte, zog es den kleinen Hans Christian zur Spinnstube hin – dem traditionellen Hort des Geschichtenerzählens. Hier lauschte er vielerlei Volks- und Bauernmärchen in mündlicher Überlieferung, die – typisch für die skandinavische Folklore – von übernatürlichen Wesen wie Kobolden, Trollen, Hexen und Wassergeistern bevölkert waren. „Eine Welt so reich wie jene in Tausendundeiner Nacht tat sich vor mir auf“, schrieb Andersen später in einer seiner Autobiografien. „Die Geschichten, die diese alten Frauen erzählten, und die geisteskranken Gestalten, die ich um mich herum im Irrenhaus sah, wirkten mit der Zeit so stark auf mich, dass ich nach Einbruch der Dunkelheit kaum mehr aus dem Haus zu gehen wagte.“ Diese ungeordnete, spontane Form der mündlichen Überlieferung in ihrer Kraft und Lebendigkeit wurde zum Heiligen Gral einer wachsenden Zahl europäischer Gelehrter und Schriftsteller der Romantik. Akademiker wie die Brüder Grimm in Deutschland waren bestrebt, genau diese umgangssprachliche, ungeschliffene Kunstform in Sammlungen zu erhalten. Als 1812 der erste Band Grimm’scher Märchen erschien, war Andersen sieben Jahre alt. Später, als junger Autor, sollte er diese Märchen lesen, und wesentlich später, als er bereits einen Namen hatte, besuchte er die beiden Brüder.

Von der Welt des Aberglaubens zur Fantasie in Flammen
Anders als angenommen reisten die Brüder Grimm nicht übers Land, um mündliche Erzählungen zu sammeln, sondern stützten sich auf einige wenige gesicherte Quellen mündlicher wie schriftlicher Art. Andersen dagegen hatte den direkten Zugang: Er wuchs im tiefsten Herzen einer abergläubischen Gesellschaft auf, in der mündliches Geschichtenerzählen der Unterhaltung diente und Lektionen fürs Leben lieferte. Die jahrhundertealten skandinavischen Sagen waren Teil einer mündlichen Erzählkultur, die Andersens Kindheit bunt färbte, doch die Bauernmärchen gerieten im Zuge der Industrialisierung fast völlig in Vergessenheit. Die Märchenforscher Iona und Peter Opie stellen fest, dass „Andersen tatsächlich der erste Märchenautor war, der – anders als die Brüder Grimm mit ihrem beruflichen Hintergrund – der einfachen Bevölkerung entstammte, für die das Geschichtenerzählen noch lebendige Tradition war. Abgesehen von seinem Vater bezogen sämtliche Menschen, die ihn in seiner Kindheit umgaben, ihr Wissen aus mündlichen Quellen, nicht aus Büchern.“ Seine Mutter war eine zutiefst abergläubische Frau. Für diejenigen in Andersens Umkreis, die zum Aberglauben neigten, hatten leblose Objekte buchstäblich ihren eigenen Kopf. Andersens Meisterschaft im Vermenschlichen von Gegenständen wurde zu einem Gütezeichen seines Werks. Seine Mutter, die weder lesen noch schreiben konnte, war Wäscherin und verfiel in späteren Jahren der Trunksucht. Sein Vater, ein Schuhmacher, der sich eine rudimentäre Ausbildung erkämpft hatte, liebte die Literatur und besaß einen Schrank voller Bücher, was für die damalige Zeit bemerkenswert war. Aus diesen Büchern las er seinem Sohn bis zu seinem Tod – Hans Christian war da erst elf Jahre alt –regelmäßig vor, auch aus Tausendundeiner Nacht und der Bibel. Dank dieser frühen Heranführung ans gedruckte Wort entwickelte Andersen einen unersättlichen, lebenslang anhaltenden Lesehunger. In seinem Tagebuch schrieb er: „Seit ich mich erinnern kann, war Lesen mein einziger und liebster Zeitvertreib … Ich spielte nie mit anderen Buben, ich war immer allein.“ Doch Andersen war auch ein ausgezeichneter Zuhörer – in der Spinnstube der Irrenanstalt, bei den Märchenstunden seines Vaters, bei den Schauspielern am Theater, für das er schwärmte. Er entwickelte ein inneres Ohr für die Klänge ganzer Fantasiewelten, etwa den hochmütigen Tonfall der verblendeten Nähnadel in „Die Stopfnadel“ oder den inneren Monolog des von Selbstzweifeln geplagten Kaisers in „Des Kaisers neue Kleider“ oder die Silberglöckchen an den Blumen im Schlossgarten, „welche klangen, damit man nicht vorbeigehen möchte, ohne die Blumen zu bemerken“, in „Die Nachtigall“. Jeder Mensch und jeder Alltagsgegenstand schien sich ihm zur Fiktionalisierung anzubieten.

Aquarell des schweizer Illustrators Heinrich Strub, 1956.
Aquarell des schweizer Illustrators Heinrich Strub, 1956.


„Ich werde berühmt werden“
„Ich werde berühmt werden“, schrieb Andersen in seinem Tagebuch und machte damit deutlich, dass sein berufliches Streben nach Größe nichts mit dem eitlen Narzissmus der Vornehmen und Gebildeten gemein hatte. Sein Streben gründete in den tiefsten Tiefen seiner gequälten Seele. Schon früh fiel Andersens Gönnern ein starkes Selbstbewusstsein an ihm auf. Er hatte den Drang und Mut, vor Publikum aufzutreten, ein Talent zum Geschichtenerzählen und ein strapaziöses Ego. Andersen suchte zeit seines Lebens Anerkennung. Wie wir aus seinen Briefen wissen, quälten ihn im Innersten Einsamkeit und ein Gefühl der Unzulänglichkeit. Er heiratete nie und erlebte in der Liebe mehrfach Zurückweisung, was ihn zutiefst verwundete. Er, der Romantiker mit tiefgründigem Sinn für Pathos und ewiger Junggeselle, der die Wärme und Geborgenheit des Familienlebens seiner engen Freunde genoss, litt unter einem Leben, in dem ihm jedwede Erwiderung seiner Liebe versagt blieb. So etwa von der berühmten schwedischen Sängerin Jenny Lind, der „schwedischen Nachtigall“, die Andersen zu dem Märchen „Die Nachtigall“ inspirierte. In Armut geboren und durch ihr künstlerisches Talent zu Ruhm gelangt, hatten Lind und Andersen vieles gemeinsam. Doch die große Leidenschaft des Schriftstellers für die Sängerin blieb unerwidert.

Ein märchenhafter Aufstieg
Während das mündliche Geschichtenerzählen zur Entwicklung seiner Weltsicht und literarischen Stimme beitrug, öffnete die Demokratisierung der dänischen Gesellschaft ihm Türen, die einem Mann seiner Herkunft in der Vergangenheit verschlossen geblieben wären. Andersen erkannte bereits als Jugendlicher, der im ärmlichsten Teil von Odense aufwuchs, dass die bessere Gesellschaft durchaus flexibel war und er es weit in ihr bringen konnte, wenn es ihm gelänge, sie zu „knacken“. Er versuchte zunächst, sich in die Reihen des Kopenhagener Theaterensembles vorzukämpfen. „Andersen erkannte schnell, dass die Dichtkunst ihrem gesellschaftlichen Stellenwert nach eine Trumpfkarte war“, schreibt die Biografin Jackie Wullschlager, und weiter: „Zur damaligen Zeit standen Kunst und Literatur im Brennpunkt des nationalen Geisteslebens, da politisches Leben kaum stattfinden durfte.“ Während der absoluten Monarchie, die bis 1848 in Dänemark herrschte, „sog das Künstlertum … alle Energie auf, die in anderen Ländern in die Politik floss, und das Ergebnis war ein goldenes Zeitalter der Kultur, eine in der Geschichte Dänemarks beispiellose Blüte der Malerei, Musik, Literatur und Philosophie.“ Königliche Protektion, für die es guter Kinderstube und Beziehungen bedurfte, lag außerhalb Andersens Reichweite, und sein Weg zum Erfolg war von Ausgrenzung und wiederholter Zurückweisung gezeichnet. Doch erstaunlicherweise blieb er unbeirrt. Schließlich fiel er dem Direktor des Königlichen Theaters, Jonas Collin, auf, der dem Jugendlichen zu einem königlichen Stipendium verhalf. Was folgte, waren fünf leidvolle Schuljahre, die der 17-jährige Andersen unter Elfjährigen zu verbringen hatte, auf Insistieren seiner Förderer hin. Diese hatten von ihm verlangt, entweder eine ordentliche Ausbildung zu machen, bevor er seinen schriftstellerischen Ambitionen nachginge, oder nach Hause zu gehen und ein Handwerk zu erlernen. Letzteres war das Los seines Vaters gewesen und für Andersen absolut indiskutabel. Dank Collins maßgeblicher Hilfe erhielt er fortan eine finanzielle Unterstützung, die ihm die Zeit und Kraft zum Schreiben gab. Collin und dessen Sohn sollten auch in Andersens weiterem Leben wichtige Bezugspersonen bleiben und ihm als Ersatzfamilie dienen.

Theo van Hoytema war einer der vorzüglichsten Tier- und Pflanzenillustratoren der Niederlande, hier eine Illustration zu dem Märchen „Das hässliche, junge Entlein“ von ihm, 1893.
Theo van Hoytema war einer der vorzüglichsten Tier- und Pflanzenillustratoren der Niederlande, hier eine Illustration zu dem Märchen „Das hässliche, junge Entlein“ von ihm, 1893.


Armer Bauer im Königsmantel
Andersen schwankte zeitlebens zwischen Selbstsicherheit und Minderwertigkeitsgefühlen. Nie gelang es ihm, sich den gekrönten Häuptern, Berühmtheiten und Würdenträgern ebenbürtig zu fühlen, mit denen er verkehrte. So schrieb er in seinem Tagebuch: „Ich hatte und habe noch immer das Gefühl, als wäre ich ein armer Bauernbursche, über den ein Königsmantel geworfen wird.“ Doch scheint er auch Kraft aus seinem märchenhaften Aufstieg geschöpft zu haben, den er vor anderen gerne in höchsten Tönen pries. Das Märchen als literarische Gattung muss ihm instinktiv behagt haben, allein wegen seiner jahrhundertealten Geschichten über sozialen Aufstieg und wahre Identität, in denen ein Tor sich unter Prüfungen als echter König erweist, wenn nicht von Geblüt, so doch dem Wesen nach. Andersen verewigte dieses Motiv in vielen Erzählungen – von „Das hässliche, junge Entlein“ über „Die Prinzessin auf der Erbse“ bis „Däumelinchen“. Er blieb in seinem künstlerischen Schaffen von der eigenen Kindheit inspiriert, erzählte es doch oft Geschichten von sozialem Aufstieg und vertauschten Identitäten.

Süßer als Schokolade und Sahne
Andersen schrieb seine Märchen für Kinder und Erwachsene gleichermaßen. Doch seine innere Stimme richtete sich an einen Empfänger, den die Wissenschaft als „das zuhörende Kind“ bezeichnet. Es war seine Gabe, für die Bilder und Klänge der Welt offen wie ein Kind zu bleiben, die es ihm erlaubte, auf eine für Kinder so eindringliche Weise zu schreiben. In der Kinderliteratur, die bis dahin vorwiegend mit Moralgeschichten aufgewartet hatte, stellte das eine radikale Neuerung dar. In einem 1928 erschienenen Andersen-Märchenband mit Illustrationen des japanischen Künstlers Takeo Takei nennt der Herausgeber Andersens Erzählungen „süßer als Schokolade und Sahne“. Heutige Leser können vermutlich nur schwer ermessen, wie sehr sich Andersens Märchen von denen seiner Vorläufer unterschieden. Sie waren wunderbar komponiert, mal traurig und voller Pathos, mal von beißendem Witz. Wie der japanische Verleger so treffend bemerkte, erschienen Andersens Märchen wie Naschwerk nach Jahrhunderten schwer verdaulicher Didaktikkost in der Kinderliteratur (wenngleich Andersen moralische Lehren einstreute, die seiner Leserschaft aus der Mittelschicht angemessen waren).

Kindergeschichten zum Vergnügen der Kinder
Andersen hatte Geschmack an einer Kunstform gefunden, die noch nicht existierte: Kindergeschichten zum Vergnügen der Kinder. Wullschlager nennt ihn den ersten großen Fantasy-Erzähler: „Er ließ Spielzeug und Tiere sprechen, ungekünstelt, frei von der Leber weg und witzig, mit denen Kinder sich auf Anhieb identifizieren konnten.“ Seine Märchen waren die Wegbereiter moderner Geschichten wie Alice im Wunderland, Der Zauberer von Oz oder Toy Story, die in einer Traumwelt spielen und aus der Kinderperspektive erzählt werden. Diese „neue“ Perspektive ist auch zentral für zwei der jüngsten Genres unserer Zeit: Zeichentrick- und Animationsfilm. Während sich die akademisch gebildeten Brüder Grimm von der unverblümten Sprache und ausdrucksstarken Metaphorik der Volksmärchen anregen ließen, schrieb Andersen aus dem Bauch heraus. Er bezeichnete sich selbst als unpolitisch und sagte in einer seiner Autobiografien: „Gott hat mir eine andere Mission aufgetragen: dass ich fühlen solle und immer weiter fühle.“ Andersen fand in der Poesie und Empfindsamkeit der deutschen Romantiker, die damals ihre Blütezeit erlebten, Balsam für seine grüblerische Seele. Seine Erzählungen waren zwar ebenso poetisch und gefühlsbetont wie die Werke der deutschen Romantik, aber auch äußerst modern, waren doch ihre Themen im Alltagsleben der damaligen Zeit verankert, nicht in einer idealisierten Vergangenheit. Andersens Abkehr von dem, was sein Biograf Reginald Spink als „akademische Konventionen“ bezeichnet, ähnelte dem Aufbruch von europäischen Avantgarde- Künstlern, die der seelenlosen Beschränkungen des akademischen Kunstbetriebs müde waren. Der Maler van Gogh, ein Zeitgenosse Andersens, war über die bildhaften Details in dessen Märchen so erstaunt, dass er erklärte, Andersen müsse ebenfalls bildender Künstler sein. Andersens Welten, die er in seinen Märchen beschrieb, existierten in einem emotionalem Bezugsrahmen, der einer ganz eigenen Logik folgte.

Mit seinen Illustrationen zu dem Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ (1916) zeigte der irische Künstler Harry Clarke seine Liebe zum Material und zum dekorativen Detail, die ihm bereits seinen Ruf als Irlands talentiertestem Glasmaler eingebracht hatten.
Mit seinen Illustrationen zu dem Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ (1916) zeigte der irische Künstler Harry Clarke seine Liebe zum Material und zum dekorativen Detail, die ihm bereits seinen Ruf als Irlands talentiertestem Glasmaler eingebracht hatten.


Auf der Suche nach Unsterblichkeit
Obwohl er mit dänischen Volksmärchen aufgewachsen war, dachte sich Andersen eigene Geschichten aus, anstatt vorhandene zu sammeln, wie es die Brüder Grimm taten. 1835 erschien ein kleines Heft mit seinen ersten vier Erzählungen. Dem dänischen Experten Bengt Holbek zufolge basieren nur sieben seiner über 200 Märchen auf Vorlagen. Als ein enger Freund ihm prophezeite, nachdem sein erster erfolgreicher Roman, Der Improvisator, ihn berühmt gemacht habe, würden diese Geschichten ihn nun vollends unsterblich machen, „denn sie sind das Vollkommenste, was [du] je geschrieben hast“, befand Andersen: „Ich selbst bin nicht dieser Ansicht.“ Seine Märchen waren aber von einer Psychologie durchdrungen, die neu und frisch war, und im vormodernen Europa einen Nerv traf. Andersen besaß die Gabe, große wie kleine Sehnsüchte in Worte zu fassen und in märchenhafte Geschichten zu verwandeln. Die sichere Innenwelt seiner Fantasie sollte zum unerschöpflichen Quell seines kreativen Schaffens werden. Sein Verstand war darauf konditioniert, neue Anregungen augenblicklich aufzugreifen. Wullschlager zitiert Andersens eigene Beschreibung seiner Denkweise: „[Ideen] lagen in meinen Gedanken wie Samenkörner, und es bedurfte nur eines strömenden Flusses, eines Son- nenstrahls, eines Tropfens aus dem Becher der Bitternis, um sie aufspringen und erblühen zu lassen.“ Der Einfluss, den seine Märchen auf die Kinderliteratur hatten, war so groß, dass der heute wichtigste Preis für Autoren und Illustratoren in dieser Sparte Hans-Christian- Andersen-Preis heißt und Andersens Geburtstag am 2. April zum Internationalen Tag des Kinderbuchs erkoren wurde.

Eine Ahnung des Unbewussten zu Beginn der Moderne
Manche Forscher vermuten, dass Andersens Märchen im Grunde frühe Geschichten über das Unbewusste sind und somit Vorboten der künstlerischen Strömungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts und später des Surrealismus waren. Wo moderne Künstler und Denker wie Freud das Unbewusste zu erfassen oder dessen kreatives Potenzial freizusetzen versuchten, war Andersens Ansatz der, sich von den wilden Eingebungen seiner blühenden Fantasie überwältigen zu lassen. Die Wirrnisse seiner Kindheit und der steinige Weg, den er als gesellschaftlicher Außenseiter meistern musste, hätten ihn scheitern lassen können. Doch ihn verließ nie der Mut. Während der Stellenwert von Andersens Stücken, Reiseberichten und Romanen durchaus umstritten ist, bleiben die Märchen glänzende Beispiele seiner einzigartigen Vorstellungskraft und Fantasiewelten. Diese Welten waren ein sicherer Ort, an den er in schwierigen Zeiten zurückkehrte, und hier brachte er seine Gefühle mit der Wirklichkeit in Einklang. Der Märchenkundler Jack Zipes schreibt: „Seine Märchen handelten vom Leben, das er nicht führte, und drückten aus, was er öffentlich sagen wollte, aber nicht wagte. Seine Erzählungen waren majestätische Akte der Selbstbestätigung und Selbsttäuschung.“

Freud und Leid der Subjektivität
Andersen belebt ein einfaches Tintenfass, einen Zinnsoldaten, einen Vogel, eine Erbse, einen Kreisel mit eigenen Trieben, Schwächen und Sehnsüchten. Oft haben seine menschenähnlichen Figuren eine leicht verquere Weltsicht, sind unfähig, ihr wahres Los oder ihre Lage zu erkennen, als wollte Andersen ein Schlaglicht auf die Schranken unserer eigenen, menschlichen Subjektivität werfen. Möglicherweise ist gerade dieses unausweichliche Befangensein in Subjektivität als Wesenskern menschlichen Erlebens das eigentliche Thema seiner Geschichten. Doch gerade diese Subjektivität ist es auch, die Liebe ermöglicht, das tiefe Ergriffensein vom eigenen Erleben, überwältigt und sogar verzehrt zu werden von der Fürsorge für einen anderen Menschen. Für Andersen ist dies der Motor seiner Kreativität, birgt aber auch die Gefahr großer Enttäuschungen. Seine Märchen zeigen die Tiefe des Gefühls, zu der er fähig war. Im wirklichen Leben fanden diese Gefühle keine Erwiderung. Zipes schreibt über Andersens Verhältnis zur eigenen Geschichte: „Andersen versuchte verzweifelt, seinem Leben die Form und den Inhalt eines Märchens zu geben, gerade weil er ein gequälter, einsamer und hochneurotischer Künstler war, der in literarischen Schöpfungen sein Unvermögen sublimierte, die eigenen Wünsche und Träume in der Wirklichkeit auszuleben. Sein literarischer Ruhm beruht auf diesem Unvermögen, denn was er für sich selbst nicht erreichen konnte, bescherte er Millionen Lesern, Jung und Alt, mit der Hoffnung, dass deren Leben sich anders gestalten würde als das seine.“ Sein Geschenk an uns waren Kindermärchen, die den Gefühlslandschaften, Schwächen und dunklen Winkeln der menschlichen Seele Raum gaben – einen Raum, zu dem er selbst mit Herz und Seele Zuflucht nahm.

Noel Daniel
Tom Seidmann-Freud, eine Nichte Sigmund Freuds, setzte neue Maßstäbe in der Kinderbuchgestaltung. Ihr 1921 erschienenes Buch Kleine Märchen enthielt eine frühe Version ihrer Illustration für „Die Prinzessin auf der Erbse“.
Tom Seidmann-Freud, eine Nichte Sigmund Freuds, setzte neue Maßstäbe in der Kinderbuchgestaltung. Ihr 1921 erschienenes Buch Kleine Märchen enthielt eine frühe Version ihrer Illustration für „Die Prinzessin auf der Erbse“.