Ihr Warenkorb
0 Pos.
Zwischensumme0 US$

Ihr Warenkorb ist leer!


Sie haben noch kein Kundenkonto?
Anmelden

Passwort vergessen?


Mensch-Maschine

Wiederentdeckt: Fritz Kahn, ein Pionier der Infografik

Die visuelle Umsetzung komplexer Vorstellungen ist eine der bedeutendsten Herausforderungen, vor die sich die zahlreichen Grafikdesigner von heute gestellt sehen. Doch wo liegen die Wurzeln dieses Handwerks? Wenn man in die Vergangenheit zurückgeht, liefert das Werk des in Vergessenheit geratenen Genies Fritz Kahn faszinierende Einblicke in die Geburt der Informationsgrafik.

Wie oft haben Sie sich schon vorgestellt, kleine Humanoide würden jeden einzelnen der vielen Vorgänge steuern, die in der Fabrik unseres menschlichen Körpers vor sich gehen? Für alle, die wie ich vor dem naturwissenschaftlichen Fachjargon kapitulieren, vereinfachen Metaphern und Analogien auf probate Weise das Verständnis um die komplexen Mechanismen der alltäglichen menschlichen Existenz. Auf eben diese Art zapfte der jetzt wiederentdeckte Visionär Dr. Fritz Kahn (1888–1968), ein deutscher Naturwissenschaftler, Gynäkologe und Schriftsteller, unser kollektives Bewusstes und Unterbewusstes an. Zweifellos waren seine Vorstellungen bisweilen absurd, wenn nicht gar naiv, doch entwickelte er ein großartiges Hilfsmittel für Lehrzwecke. Müsste man eine einzelne Leistung in Kahns eindrucksvoller und bewegter Karriere hervorheben, dann wäre es das subversivkomische und zugleich resolut-diagrammatische Plakat „Der Mensch als Industriepalast“ (1926). Der menschliche Körper als mechanisierte Fabrik.

Kahn entdeckte eine Möglichkeit, Daten zu visualisieren, Jahrzehnte ehe Datenvisualisierung zu einer anerkannten Methode für die Aufbereitung und Interpretation von Information wurde. Sein „Industriepalast“-Plakat zeigt den schematischen Querschnitt eines menschlichen Kopfes und armlosen Rumpfs, Irrgärten voller Apparaturen in getrennten Räumen, verbunden durch spezialisierte Homunkuli. Jeder Homunkulus ist ein Facharbeiter. Diese „Personen“ sorgen für einen reibungslosen Ablauf aller Körperfunktionen. Bei den präzisen Wunderwerken des Maschinenzeitalters handelt es sich um Organe, Muskeln und Nerven, jedoch besser verständlich in einer anthropomorphen Form.

Jeder Körperteil hat seinen Avatar: Das Auge ist eine Balgenkamera, die Lunge besteht aus Kupferrohren, Magen und Darm sind Förderbänder. In der linken und rechten Gehirnhälfte wird von klugen Homunkuli gelesen, geplant und diskutiert. Weiter unten bewegt sich das Verzehrte auf den Darm zu, wo Arbeiter es in Zucker, Stärke und andere Komponenten aufspalten, die auf dem Demontageband in die Verdauungskammern befördert werden. Zwar würde ich es nicht begrüßen, dieses Diagramm im Behandlungszimmer meines Arztes anstelle einer anatomischen Schautafel vorzufinden, dennoch war Kahn ein Großmeister seines Metiers und ein Pionier der Informationsgrafik. Seine Bilder unterhalten und informieren über etwas, das andernfalls kalt und klinisch wäre. Die Diagramme fanden so großen Zuspruch, dass sich Kahns Einfluss zu Lebzeiten in alle Welt verbreitete und noch heute, lange nach seinem Tod, in verschiedenen Medien nachhallt, auch wenn sein Name vergessen ist.

Eine in den 50er- und 60er-Jahren in England und den USA beliebte Fernsehwerbung für das Schmerzmittel Bufferin zeigt einen Vorschlaghammer, der wie ein Folterinstrument in der Röntgenaufnahme eines Kopfes fuhrwerkt. Das war von Kahn abgekupfert. Doch in dessen Welt spielten die Körperfunktionen weit faszinierender zusammen als im reduzierten Einfall der Bufferin-Werbeagentur. Kahns Mission war es, den Schleier der Biologie und Pathologie zu lüften und sie so darzustellen, dass fast jeder sie verstand. Seine eigenen Worte waren etwas abgehobener: „Der Zellenstaat ist eine Republik unter der erblichen Vorherrschaft einer Geistesaristokratie“, schrieb er im obskuren soziopolitischen Jargon der Zeit. „Die Wirtschaftsform ist ein strenger Kommunismus.“

Kahn und der Volksbildner Otto Neurath, der Erfinder von isotype (International System of Typographic Picture Education), waren zwei Hälften desselben Kuchendiagramms. Obwohl sich die Männer vermutlich nie begegnet sind, arbeiteten beide an einer Grafiksprache, die den Fachjargon ersetzen würde. Der Philosoph, Naturwissenschaftler, Soziologe und Volkswirt Neurath konnte die Zeichen und Symbole nicht selbst gestalten, und auch Kahn war kein Künstler. Er engagierte deshalb professionelle Mitarbeiter. Bei der Wahl der grafischen Mittel ging er eklektisch vor und verwendete Fotocollagen, Gemälde und Zeichnungen ebenso wie Comics, surrealistische oder dadaistische Stilelemente. Analogie war seine Stärke: So verglich er ein Ohr mit einem Auto oder eine Vogelfeder mit Eisenbahnschienen – alles zur Erklärung undurchdringlicher Phänomene mithilfe vorstellbarer Mittel. Kein optischer Trick war zu abseitig für sein Ziel: das allgemein zugängliche Verständnis.

Das Plakat „Der Mensch als Industriepalast“, zeigt Kahns Emblematik besonders eindrucksvoll, aber es ist nicht das einzig bemerkenswerte in seinem Oeuvre. Einige Illustrationen sind eher Cartoon denn Diagramm, mehr erzählend als didaktisch. Das unglaubliche, fantastische Tableau des einsamen weiblichen Homunkulus, der auf einer Zelle durch die Drüsenhöhle surft, erinnert an Max Ernsts Spätwerk, dann wieder finden sich Zelllandschaften, die es mit jeder Science-Fiction-Illustration aufnehmen können.

Kahn war Befürworter der Moderne, und zu seinen eigenen Anhängern gehörten Bauhäusler wie Herbert Bayer und Walter Gropius. Neue Techniken waren visuelle Hilfsmittel, um die unsichtbare physische Welt zu erläutern. Eines seiner erhellendsten Diagramme war „Was sich in unserem Kopf abspielt, wenn wir ein Auto sehen und ‚Auto‘ sagen“. Es beginnt beim Auge, das eine Botschaft auf einen Filmstreifen brennt, der in einen Vorführraum läuft, wo ein Homunkulus ein Foto des Autos auf eine Leinwand projiziert. Sie übermittelt das Bild einer zweiten Leinwand, die das Wort „Auto“ zeigt. Weiter geht die Botschaft an eine Orgel, die dem Wort Lautgestalt gibt. Würde es nur tatsächlich so ablaufen… Trotzdem: So sah Kahn es und mit ihm der Betrachter.

Jetzt findet Kahns Vermächtnis neuen Nachhall, und diese Entwicklung wird sich fortsetzen. Diese Sammlung seiner weniger bis kaum bekannten Illustrationen ist ein Füllhorn des konzeptuellen Denkens. Wer Kahns Bilder einmal kennengelernt hat, kann den menschlichen Körper oder eine ähnlich komplexe Entität unmöglich weiter auf bisher gewohnte Art betrachten.