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Hallo, schöner Mann!

Mario Testinos Männergalerie

„Eine Vielzahl erotischer Möglichkeiten“

Mario Testino im Gespräch mit Patrick Kinmouth

PK: Dieses Buch ist voller Bilder von Männern, die sich mutig eine eigene Identität schufen und bis zu einem gewissen Grad die Vorstellung von Männlichkeit in der Öffentlichkeit neu definierten – zum Beispiel David Bowie, Mick Jagger, Andy Warhol, ja sogar David Beckham.
MT: In meiner Jugend war David Bowie für mich eine sehr wichtige Figur. In Perus streng konservativer Gesellschaft war es schwer, anders zu sein. Wie Bowie ein völlig neues Männerbild entwarf, ohne dabei etwas von seiner Männlichkeit aufzugeben, hat mich sehr beeindruckt. Es wurde mir klar, dass man das Risiko eingehen muss, man selbst zu sein, selbst wenn andere das als bedrohlich oder anstößig empfinden mochten. David Beckham ist ebenfalls ein gutes Beispiel dafür, wenn auch auf andere Weise. Seine Einstellung gegenüber dem eigenen Körper und sein gesamtes Erscheinungsbild, der Mut zu ausgefallener Kleidung und seine Tätowierungen haben einen immensen Einfluss darauf gehabt, wie Männer sich selbst betrachten, sich kleiden und öffentlich präsentieren. Es wurde mir klar, dass man das Risiko eingehen muss, man selbst zu sein.

PK: Deine Bilder sind zwar oft erotisch aufgeladen, aber nie vulgär. Ich habe das Gefühl, du entwickelst in deinem Werk eine interessante Art von kultivierter Distanz zur Sexualität.
MT: Ich bin natürlich an Sex interessiert! Aber ich betrachte das lediglich als einen Aspekt unter vielen gleichberechtigten Aspekten in einem Bild. Ich mag Sinnlichkeit und ein gewisses Mysterium der Sexualität. Eindeutig pornografische Bilder inter- essieren mich nicht… sie dienen nur einem Zweck, und der hat nichts mit meiner Arbeit zu tun. Ich bin vielmehr daran interessiert, ein Bild zu komponieren, das eine Vielzahl erotischer Möglichkeiten suggeriert. Ich glaube, dadurch hat ein Bild eine längere Lebensdauer. Letztendlich, denke ich, ist es interessanter, jemandes Neugier zu erregen, als ihn sexuell zu erregen.

PK: Das ist wohl auch der Grund dafür, dass du in deinen Männerbildern gelegentlich in gewissem Maße mit den Geschlechterrollen spielst?
MT: Man könnte dieses ganze Buch als eine Art Dialog mit meiner Kamera über Themen wie Neugier und individuelle Freiheit betrachten. … Ich persönlich finde, wir sollten offen dafür sein, uns Dinge jenseits des Gewöhnlichen und Alltäglichen vorzustellen. Deshalb ist Araki hier in einem Porträt vertreten, als Inspiration. Wie Mapplethorpe, Newton und andere hat er den Mut, Bereiche zu erkunden, die nun einmal Teil der menschlichen Fantasie sind. Das kann man gut finden oder auch nicht, aber man muss die Qualität und Perfektion dieser Bilder anerkennen.

PK: In der Auswahl, die du für das Buch getroffen hast, stehen bisher unveröffentlichte Privatfotos gleichberechtigt neben sehr bekannten Bildern, zum Beispiel die Bilder von David Gandy auf Capri.
MT: Letzten Endes war die Qualität des Bildes für mich das entscheidende Kriterium. Es ist ziemlich interessant, dass Bilder, die ich mit einem ganzen Team von Mitarbeitern für eine bestimmte Marke gemacht habe, neben denen eines Freundes stehen können, die ich mit einer kleinen Kamera allein zu Hause geschossen habe. Aber solange sich jedes von ihnen sehen lassen kann, nach seinen jeweiligen Gegebenheiten, ist das in Ordnung. Eine Privataufnahme und eine Auftragsarbeit können gleichermaßen effektvoll sein. Und im Kontext eines Buches entwickeln sie ein ganz neues Leben.

PK: Ich weiß von der Zusammenarbeit mit dir, dass jedes Detail sorgsam durchdacht wurde, so spontan die Bilder auch wirken mögen.
MT: Jedes Detail dient der zentralen Aussage des Bildes. Natürlich kann man seine Pläne gegenüber der Ausgangsidee jederzeit ändern, und das mache ich auch oft spontan. Ich achte penibel darauf, dass alles, was im Bild zu sehen ist, auch zum Bild beiträgt. Hinterher wirkt das dann oft zufällig.

PK: Du erschaffst also eine Art von Hyperrealität… Die visuellen Entscheidungen sind dezidiert: Farbe, Komposition, Einstellung, Stil, all das ist mit Bedacht gewählt. Aber es geht auch um Fragen des Geschmacks… ein Spiel mit den traditionellen Vorstellungen vom guten Geschmack.
MT: In der Modefotografie muss Schönheit auch immer etwas Provokantes haben, das darf dann ruhig mal die Grenzen zum bad taste berühren. Wir tragen eine Menge genormter Erwartungen und Überzeugungen mit uns herum, die sich im Laufe der Jahre in unseren Köpfen angesammelt haben. Das schließt auch Vorstellungen davon ein, was angeblich „guter Geschmack“ ist und was nicht und was „männlich“ ist und was nicht. Ich denke, wir sollten uns nicht zu sehr von diesen vorgefassten Meinungen beherrschen lassen. Was nicht heißt, dass ich Tradition und Geschichte gänzlich ablehne. Nein, ich schätze beides. Ich blühe auf, wenn Neues mit Altem vermischt wird, Underground mit Eleganz, Klassik mit Popkultur. Das ist doch der halbe Spaß im Leben. Ich versuche, all diese Aspekte in ein sinnliches Zusammenspiel zu bringen und miteinander zu verschmelzen.

alle Bilder © Mario Testino