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Visionen von Himmel und Hölle

Kunst und Jenseitsvorstellungen

Die vollständige Sammlung von William Blakes Illustrationen zur Divina Commedia

Der sozialrevolutionäre Utopist, esoterische Mystiker und visionäre Prophet William Blake (1757–1827) gehört zu den wichtigsten Vertretern der englischen Kunst um 1800. Als Dichter, Zeichner und Buchkünstler wurde Blake von seinen Künstlerfreunden Johann Heinrich Füssli und John Flaxman zwar hoch geschätzt, galt den meisten seiner Zeitgenossen jedoch als eher exzentrische Randfigur. Der Schriftsteller Edward FitzGerald beschreibt ihn gar als „a genius with a screw loose“.

Zwischen 1824 und 1827 fertigte Blake 102 Zeichnungen zu Dante Alighieris Göttlicher Komödie an, die zu den eindrucksvollsten Deutungen des berühmten Gedichtes zählen. Ohne selbst je in Italien gewesen zu sein, war Blake mit dem Werk des toskanischen Dichters Dante (1265–1321) eng vertraut, in dessen Versen er eine verwandte Seele erkannte.

Als Meisterwerk der Weltliteratur gefeiert, gilt die 1321 vollendete Göttliche Komödie als das bedeutendste literarische Werk der italienischen Sprache. Dante beschreibt in 14.233 Versen, unterteilt in 100 Gesänge, seine Reise durch Hölle, Fegefeuer und Himmel und auf einer höheren Ebene den symbolischen Weg der Seele zu Gott. Dantes komplexe Darstellung der Hölle ist ohne Vorbilder, weder in der Literatur noch in der Theologie. Unterirdisch, in tiefe Finsternis gehüllt, liegt Dantes Inferno unter der Stadt Jerusalem und ragt wie ein spitz zulaufender Trichter bis ins Zentrum der Erde hinab. Es ist ein strenger, gut organisierter Ort der Bestrafung, an dem alle Sünden einer präzisen Hierarchie unterliegen und nach einem genau durchdachten System von Vergeltungsmaßnahmen geahndet werden. Dantes Sprache lebt von der Kraft seiner Bilder, von der Fähigkeit, sie Gestalt annehmen zu lassen, sodass dem Leser Hölle, Fegefeuer und Paradies plastisch vor Augen treten, das Abstrakte und Fremde plötzlich vertraut erscheinen. Seine poetische Imagination schöpft dabei aus vielen Quellen, verbindet eigene Erfahrungen mit ausgedehnten Lektüren und einem weiten Kosmos von Bildern. So wird der steile Aufstieg auf den Läuterungsberg mit der Pietra di Bismantova, einem Felsplateau im nördlichen Apennin, verglichen, die Musterung des bunt gefleckten Schuppenkleides von Geryon, dem Hüter des achten Höllenkreises, mit den Teppichen von Tataren und Türken. Den bis zum Äußersten gespannten Körper des Giganten Antaeus, der die beiden Höllenwanderer auf dem Eis des Kokytos absetzt, vergleicht Dante mit dem vom Sturm gebeugten Mast eines Schiffes, der schon im nächsten Moment zurückschnellen wird.

Die Kraft solcher sprachlichen Bilder und die konkrete Bezugnahme auf Werke der bildenden Kunst mussten Künstler in besonderem Maße herausfordern, die Divina Commedia in reale Bilder zu übersetzen, man denke nur an die Werke von Botticelli, Raffael, Michelangelo, Doré, Delacroix oder Rodin. Allen voran galt Michelangelo, der sich zeit seines Lebens mit Dante auseinandergesetzt hat, als sein einflussreichster Interpret. Und es gibt wohl keinen neuzeitlichen Text, der so häufig illustriert wurde.

1824 wurde William Blake von dem Landschaftsmaler John Linnell beauftragt, Illustrationen für Dantes Divina Commedia anzufertigen. Zeitgenossen bezeugen, dass sich der bald 70-jährige Blake zugleich in kürzester Zeit des Italienischen bemächtigte, um Dante im Original lesen zu können. In seinen letzten Lebensjahren trafen die wenigen Besucher Blake in seiner Londoner Wohnung, 3 Fountain Court Nähe Strand, meist im Bett sitzend an, „wie einen antiken Patriarchen oder einen sterbenden Michelangelo“, bei der intensiven Arbeit an den Dante-Zeichnungen. Die Verse der Commedia stets vor Augen, füllte er Seite um Seite eines großen, gebundenen Portfolios mit Kent-Papier im Format von 53 x 37 cm. Dabei zielte er in keiner Weise auf eine gleichmäßige Berücksichtigung aller Textpartien oder gar eine systematische Illustration jedes Gesangs ab. Wie viele andere Künstler fesselten Blake besonders die im Inferno geschilderten Höllenqualen. 72 Blätter widmete er dem Inferno, 20 dem Purgatorio und zehn dem Paradiso.

Es ging Blake um die unmittelbare Auseinandersetzung mit dem poetischen Text, darum, sein expressives Potenzial mit bildkünstlerischen Mitteln auszuloten und seine Sprachbilder produktiv zu machen. Die einzelnen Zeichnungen befinden sich in sehr unterschiedlichen Stadien der Vollendung. Der Grad der Ausführung reicht von skizzenhaft angelegten bis zu voll ausgeführten Blättern und ermöglicht so einen umfassenden Einblick in die Arbeitsweise des Künstlers. In der souveränen Beherrschung der technischen Mittel gelingt es Blake, die ganze Breite existenzieller Erfahrungen auszuschöpfen.

Noch wenige Wochen vor seinem Tod ließ Blake, in einem Brief vom 25. April 1827, seinen Auftraggeber Linnell wissen: „Ich bin zu sehr mit Dante beschäftigt, um an irgendetwas anderes zu denken.“