Die Geburt der Ägyptologie aus dem Geist des Abenteuers. TASCHEN Verlag
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Die Geburt der Ägyptologie aus dem Geist des Abenteuers

Ein Interview mit Salima Ikram

Im 19. Jahrhundert waren viele Ägyptenreisende von den Schätzen und Monumenten des alten Ägypten derart überwältigt, dass sie ihre Eindrücke in begeisterten Reiseberichten und detaillierten Skizzen festhielten. Lange bevor die Ägyptologie eine anerkannte wissenschaftliche Disziplin wurde, legten diese Abenteurer mit ihren Aufzeichnungen das Fundament zur Erforschung der antiken ägyptischen Kultur. Achille-Constant-Théodore-Émile Prisse d’Avennes (1807–1879) war einer dieser Abenteurer. Als wissbegieriger Mensch beschränkte er sein Interesse nicht auf die altägyptische Hochkultur, sondern beschäftigte sich mit der Entwicklung der ägyptischen Kunst und Kultur von den Pharaonen bis zur islamischen Zeit. Auf der ersten seiner Reisen, auf denen er oftmals, in arabische Gewänder gehüllt, unter dem Pseudonym Idris Effendi auftrat, dokumentierte er 1836 zahllose historische Stätten des Niltals und andernorts. Prisse veröffentlichte seine Skizzen, Zeichnungen und Reproduktionen von Inschriften mittels Durchreibung auf Papier erstmals in dem Werk Monuments égyptiens (Ägyptische Monumente, Paris 1847), einer eher kleinen Sammlung von 51 Bildtafeln, die gleichermaßen beim akademischen wie beim breiten Publikum großen Anklang fand. Durch diesen Erfolg ermutigt, kehrte Prisse in den späten 1850ern nach Ägypten zurück und intensivierte seine Forschungen. Die Ergebnisse veröffentlichte er in Histoire de l’art égyptien (Geschichte der ägyptischen Kunst) und L’Art arabe (Arabische Kunst), zwei umfangreichen Text- und Bildsammlungen, die einen nahezu vollständigen Überblick über die ägyptische Kunst liefern. Obwohl im Alleingang entstanden, brauchen diese Werke auch den Vergleich mit den Berichten der großen, staatlichen Expeditionen jener Zeit nicht zu scheuen und stellen bis heute die umfangreichste Bilddokumentation ägyptischer Kunst dar. Prisse’ enzyklopädisches Wissen über die altägyptische Hochkultur steht in der Geschichte der Ägyptologie einzigartig da.

Wie gelang es Prisse, diese außergewöhnlichen Expeditionen und Publikationen zu realisieren?
Salima Ikram: Prisse war ein sehr ungewöhnlicher und ambitionierter Mensch von ausgeprägter Entdeckungs- und Abenteuerlust. Diese führte ihn auch nach Ägypten und auf seine erste Forschungsreise. Allein unterwegs oder in Gesellschaft von nur einer Handvoll Gefährten, gelang es ihm, ein großes Gebiet und eine immense Zahl historischer Stätten und Monumente zu erkunden und zu dokumentieren. Zugute kamen ihm seine gute Kenntnis des Landes und seiner Gebräuche sowie der arabischen Sprache, aber auch seine guten Kontakte vor Ort, etwa der zu Dr. Henry Abbott in Kairo, mit dem er einen Literaturzirkel gründete, in dem über die ägyptische Geschichte und Kunst diskutiert wurde. Die Verwendung eines arabischen Decknamens, Idris Effendi, ermöglichte es ihm darüber hinaus, unbehelligter zu reisen und Orte zu besuchen, zu denen westlichen Reisenden normalerweise kein Zutritt gewährt wurde.

Was macht Prisse’ Darstellungen aus künstlerischer Sicht so interessant?
SI: Prisse’ Zeichnungen und Aquarelle sind sachlich und präzise, fügen nichts hinzu und geben die altägyptischen Originale genauer wieder, als es die Werke anderer weltreisender Künstler seiner Zeit taten, die entweder meinten, ihrem Bildgegenstand einen klassischen Stempel aufdrücken zu müssen, oder ein viel zu naives Bild von Ägypten zeichneten. Zudem haben wir hier den Ausnahmefall, dass eine einzelne Person sämtliche Illustrationen anfertigte und auch den Produktionsprozess der Bücher persönlich überwachte, was seinem Werk einen harmonischen Gesamteindruck verleiht und es von allen anderen Kompendien seiner Zeit unterscheidet. Interessanterweise beinhaltet das Kapitel über Architektur nicht nur seine eigenen Architekturdarstellungen, sondern auch altägyptische Darstellungen von Gebäuden, vor allem jene, die man auf den Mauern der Grabanlagen in Armana fand. Auch Prisse’ gutes Auge für ornamentale Strukturen ist für die Geschichte der altägyptischen Kunst von hohem Wert, da es ihm ermöglichte, regionale Unterschiede zu erkennen und ihre Veränderungen im historischen Prozess nachzuverfolgen. Außerdem brachte er die unter Gelehrten lang diskutierte Idee wieder auf, dass es im alten Ägypten Musterbücher mit Ornamenten gegeben haben muss, die bei der Planung und Ausschmückung von Monumenten zur Anwendung kamen.

Welchen Einfluss hatte das Werk von Prisse?
SI: Zweifellos hat Prisse die Begeisterung für alles Ägyptische mit befördert, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ganz Europa erfasste. Seine Werke waren für alle, die sich damals mit Design und dekorativer Kunst befassten, von besonderem Interesse und dienten als Inspirationsquelle. Es ist daher gut vorstellbar, dass seine Darstellungen mit ihrer Detailgenauigkeit auch Einfluss auf die Arts-and-Crafts-Bewegung und den Jugendstil ausgeübt haben.