Facebook Pixel
Main SR only Anker

Die Augen unserer Zeit

Interview mit Wolfgang Tillmans

1995 haben Sie Ihr erstes Buch bei TASCHEN veröffentlicht. Wie begann Ihre Zusammenarbeit mit TASCHEN?
Das war 1993 in Köln, als die Stadt noch Mittelpunkt der deutschen Kunstszene war. Ich hatte meine erste Einzelausstellung bei Daniel Buchholz im Hinterzimmer eines kleinen Antiquariats, das er zusammen mit seinem Vater betrieb. Burkhard Riemschneider, zu dieser Zeit TASCHEN-Lektor, war einer der ersten, der ein Foto aus der Ausstellung kaufte. Bei einem Abendessen in Daniels Wohnung fragte ich dann Burkhard, ob er sich vorstellen könne, mit mir ein Buch zu machen. Einige Monate später kam er mit Angelika Muthesius, der damaligen Cheflektorin von TASCHEN, in die Galerie, wo sie sich in einige meiner Fotografien verliebte. In der Zwischenzeit hatte ich damit begonnen, einen Dummy aus Farbkopien anzufertigen. Weihnachten 1993 war der fertig, und ich zeigte ihn Angelika und Benedikt. Einige Freunde von mir meinten zwar, mit 25 Jahren sei ich noch zu jung, um ein so großes Buch zu publizieren, aber ich war mir sicher: Dieses Werk muss veröffentlicht werden. Gott sei Dank dachte Benedikt genauso.

Ihr erstes Buch, Wolfgang Tillmans (1995), hatte sofort Erfolg. War das dem Zeitgeist geschuldet?
Dieser Begriff wird häufig abwertend gebraucht, aber eigentlich ist es ein schönes Wort: „Zeitgeist“. Der Erfolg meines Buches entsprang einem Missverständnis – die Leute nahmen es als Zeitdokument, während ich es stattdessen zu gleichen Teilen aus inszenierten und gefundenen Bildern zusammengestellt hatte. Es ging mir ja weniger darum, Wirklichkeit auf traditionelle Weise darzustellen, als um die Schaffung einer Fiktion möglicher Leben, Situationen und sozialer Interaktionen, die zugleich natürlich dem Geist dieser Zeit entsprachen. Das gab den Bildern ihre Kraft – Menschen konnten sich damit identifizieren –, und die Anziehungskraft scheint bis heute nicht nachgelassen zu haben.

Danach haben Sie mit TASCHEN drei weitere Bücher gemacht: Burg (1998), truth study center (2005) und Neue Welt (2012). Was stellen diese Bücher für Sie dar und wie spiegeln sie Ihre künstlerische Entwicklung wider?
Ich sehe meine Bücher bei TASCHEN als „Alben“ im popmusikalischen Sinne. Sie zeichnen eine längere Zeitspanne und die entsprechende persönliche Entwicklung auf. Sie zeigen mein Bedürfnis, mitzuteilen, wie es sich anfühlt, im Hier und Jetzt lebendig zu sein. Mein Anspruch ist es, Bücher zu machen, die von den unterschiedlichsten Menschen in verschiedenen Ländern mit ihren eigenen Augen gelesen und aufgenommen werden und die es ihnen ermöglichen, Bezüge zu ihrem eigenen Leben herzustellen. Diese Bezüge finden sich vielleicht nicht in jedem einzelnen Bild, aber wenn ein Betrachter nachvollziehen kann, wie etwas riecht oder eine Vorstellung davon bekommt, wie sich etwas anfühlt, dann bin ich glücklich. Das ist es, was letztlich Kunst ausmacht: unter den Menschen ein Gefühl von Solidarität zu erzeugen.

Sie haben jetzt erläutert, was diese Bücher verbindet, aber worin unterscheiden sie sich?
Das erste Buch entstand aus einer wissenden Unschuld heraus. Ich betrachtete das Leben um mich herum mit der Leidenschaft, unabhängig zu sein. Burg berichtet von der Freiheit, künstlerische Gattungen wie Stillleben und Landschaft für mich zu erforschen, zugleich einer Zeit großer Liebe, Trauer und Verlust. Sieben Jahre nach Burg entstand truth study center. Während dieser Zeit hatte sich die Welt völlig verändert. Auf das sich ausbreitende äußerliche Chaos reagierte ich mit dem Wunsch, meine Fotografien nach Genres und Typen zu ordnen. Mein Blickfeld hatte sich erweitert und schloss beispielsweise Architektur und auch abstrakte Bilder ein, die ohne Kamera entstanden waren, während mein zentraler Fokus immer noch auf das menschliche Porträt und Bilder des Körpers, einschließlich des Sexualkörpers, gerichtet war. Weitere sieben Jahre später veröffentlichte ich Neue Welt, was eine echte Herausforderung und einen Neuanfang für mich bedeutete. Ich bereiste fünf Kontinente und betrachtete die Welt in einem noch größeren Rahmen als bislang. Dabei benutzte ich erstmals eine Digitalkamera und wandte neue Layout-Techniken an, um die unterwegs gefundenen Eindrücke der sichtbaren Welt auf eine neue Weise aufzuzeichnen.

Ich sehe meine Bücher bei TASCHEN als „Alben“ im popmusikalischen Sinne. Sie zeichnen eine längere Zeitspanne und die entsprechende persönliche Entwicklung auf.“
–Wolfgang Tillmans

Bücher sind ein wichtiger Teil Ihres künstlerischen Programms. Was bedeuten Bücher für Ihre Praxis?
Das Wunderbare an Fotografien ist, dass sie sich gleichermaßen gut an der Wand wie auf einer gedruckten Seite machen. Die einfache Handhabung und der leichte Zugang zu einem Buch – insbesondere zu einem TASCHEN-Buch – machen es möglich, dass man ihm in unerwarteten Momenten des Lebens begegnet. Dazu kommt, dass Bücher eine besondere haptische Qualität aufweisen, sie fühlen sich gut an und haben einen ganz besonderen Geruch!

Alles in allem scheinen diese Bücher fotografische Dokumente zu sein, die versuchen, die Welt zu zeigen, aber eher ist es doch ein Gefühl, das beschrieben/abgebildet/illustriert wird. Wie hat es sich angefühlt, alle vier Bände zusammenzubringen und sie in diesem besonderen Jahr 2020 zu aktualisieren?
In erster Linie wollte ich die Integrität der einzelnen Bücher bewahren. Aber ich fühlte mich auch berufen, eine Art „Remix“ vorzunehmen. An manchen Stellen habe ich Bilder von damals eingefügt, und manchmal konfrontiere ich ein neues Foto mit einem 20 Jahren alten, wie das Porträt von Neneh Cherry aus dem Jahr 2018, deren Musik ich wiederum 1993 viel gehört habe. Auch die letzten Jahre bis 2020 sind vertreten, so dass das Buch auch einen klaren Bezug zur Gegenwart aufweist.

Was inspiriert Sie?
Eine schwierige Frage, deshalb stellen Sie sie wahrscheinlich. Mich inspiriert es, die Dinge in ihrer Eigenart zu betrachten und wie sie aus verschiedenen Blickwinkeln erscheinen. Offen zu sein für Überraschungen, ihnen ohne Angst zu begegnen und Frieden damit zu schließen – das ist es, was mich inspiriert. Und natürlich das Zusammensein mit anderen, mit friends and lovers.

Was bedeutet TASCHEN für Sie?
Ich respektiere vor allem TASCHENs Respekt vor der Geschichte. TASCHEN-Bücher als Ganzes erinnern an die Forschungen der Menschheit, was heutzutage besonders wichtig ist.

Was ist Ihr Lieblingsbuch von TASCHEN und warum?
Elmer Batters Buch über Fuß- und Beinfetischismus hat mich tief beeindruckt, es ist die perfekte Illustration von “form follows function”. Und der Catalogue Raisonné von Leonardo da Vinci bleibt eine ständige Quelle der Referenz.