Olga – eine Annäherung: Die Frauen hinter und vor der Kamera

Von Catherine Millet. Aus 'Bettina Rheims, The Book of Olga'

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Warum muss ich unweigerlich an die marmorne Jungfrau mit dem Kinde von Jean Fouquet denken (um 1450, Königliches Museum der Schönen Künste, Antwerpen), wenn ich die Fotografien betrachte, die für The Book of Olga zusammengestellt wurden? Liegt es daran, dass mich die Rundungen Olgas – so wie sie von Bettina Rheims in Szene gesetzt wurden – an die perfekt geformte Brust von Agnès Sorel erinnern, jener Gespielin des französischen Königs Charles VII., die dem Künstler als Modell für eben diese Darstellung der Jungfrau diente? Sind es das Himmelblau oder das Zinnober des Automobils, das auf das Lippenrot Olgas abgestimmt ist, welche mir jenen packenden Farbeffekt ins Gedächtnis rufen, mit dem Fouquet seine Jungfrau umgibt; und scheint die erste Schar der Engel, die sie begleiten, nicht auf seltsame Weise in ein Bad roter Farbe getaucht zu sein, und die zweite in ein Blau? Und hatte Bettina Rheims in einem Interview nicht erklärt, "Darstellungen der Jungfrau" hätten sie "schon immer fasziniert"? Ist es nicht auch dieser gesenkte Blick der Agnès Sorel, die gedankenverloren in einer anderen Welt zu sein scheint, jenseits ihres eigenen Körpers und weit entfernt von diesem Kind, welches sie lediglich mit den Fingerspitzen berührt? Ist es nicht dieser Blick, der in meinem Kopf mit Olgas Augen zusammengeht? Diese Augen, die manchmal so traumversunken wirken, als wolle sie ihren wundervollen Körper hinter sich lassen – wie auch die provozierende Inszenierung, in der die Fotografin diesen Körper einbettet? Wieder kommt hier die Paradoxie in Bettina Rheims’ Arbeiten besonders gut zur Geltung. Sie lässt uns teilhaben an all diesen Ausschweifungen, diesem Fest der Farben, dem Exhibitionismus und dem Voyeurismus, um uns letztendlich nur umso entschiedener in ein Universum zu befördern, in dem Erotik, Humor und tiefe Menschlichkeit zusammenfinden.

Der Auftraggeber ist ein Ehemann, der so stolz auf die Schönheit seiner Frau ist, dass er sie mit Vergnügen den bedeutendsten Fotografen vorstellt, damit sie ihre Schönheit mit der Kamera festhalten und diese dann in die Welt hinaustragen.


Die Partie kann aber nicht von vornherein als gewonnen betrachtet werden. Und wenn ich hier das Wort "Partie" gebrauche, greife ich nur eine Metapher auf, derer sich die Künstlerin selbst bedient. Bettina erklärt mir ihre Vorgehensweise wie folgt: "Alle 'äußerlichen' Elemente stehen bereits fest: das Ambiente für die Aufnahmen, die Kleidung des Modells, die Frisur. Alle Aspekte der Inszenierung sind entschieden. Ich habe eine genaue Vorstellung von der agierenden Person, aber nicht von dem, was sie genau tun soll. Selbst wenn ich den Eindruck habe, noch nicht zu wissen, wie es weitergeht, bleibe ich am Ball. Das läuft dann ab wie eine Partie Tennis. Ich schlage auf und der Andere retourniert oder nicht. Ich warte. Der Ball kommt zurück. Ich nehme das auf, was mir die Anderen zuspielen, ohne vorab zu wissen, was auf mich zukommt, denn meistens fotografiere ich Menschen, die ich zuvor nicht kannte. Die Partie kann unterschiedlich verlaufen. Eine gewisse Sorge am Vorabend, dass es dieses Mal nicht funktionieren könnte, bleibt aber immer. Man könnte meinen, mit der Zeit sollte alles einfacher gehen. Dem ist aber nicht so. Mir scheint, ich suche nach immer unauffälligeren Dingen. Ich balanciere über ein Seil, das immer dünner wird. Eines Tages, sage ich mir, wird da kein Seil mehr sein. Trotzdem bewege ich mich immer weiter..." Für die Umsetzung dieser drei Fotoinszenierungen, in deren Mittelpunkt die Verwandlungen des Modells in drei manchmal kaum wiederzuerkennenden Persönlichkeiten stehen – das Pin-up, die Marquise aus dem 18. Jahrhundert und die Domina beziehungsweise die Unterworfene eines sado-masochistischen Spiels – hat sich Bettina Rheims auf eine sehr viel riskantere Partie als sonst eingelassen, denn nun standen ihr gleich drei Gegenspielerinnen gegenüber!
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Bettina Rheims. The Book of Olga
Sold out!

Bettina Rheims. The Book of Olga

Bettina Rheims, Catherine Millet
Hardcover in clamshell box, 11.5 x 17.2 in., 154 pages, $ 3,000
Fotos: Bettina Rheims