"Ihre Arbeiten erinnern mich an den Zugang, den Diane Arbus zu ihren Themen gefunden hat."

—Richard Prince. Naomi Harris, America Swings.

Seite 1 2 3 4 5

R.P.: Und der Nudismus … Wann bist du zum ersten Mal an Nacktbadestränden gewesen? Hast du dich nackt wohlgefühlt? Wie ist das, und warum ist es dir lieber, nichts anzuhaben?
N.H.: Nacktbadestrände – ich lebte in Miami und hörte dort etwas von Haulover Beach. Das war im Dezember 1999, ich war also 26. Ich war sogar da, um das neue Millennium dort mit einer Nacktsilvesterparty zu begrüßen. Ich ging immer allein hin,wenn ich nichts zu arbeiten hatte, und setzte mich irgendwo an die Seite. Es waren immer große Gruppen da, die allen möglichen Unsinn trieben und einen Riesenspaß hatten, und ich war einfach zu schüchtern, einerseits,weil ich nackt war, aber noch mehr, weil ich keinen kannte. Eines Tages lag ich auf dem Bauch und musste mich ein bisschen drehen, um mich einzucremen, da sah ich doch, wie mich so ein Perverser filmt, mit einer Videokamera, die er unter einem Handtuch zwischen seinen Beinen versteckt hatte. Die Kamera war direkt auf meinen Geburtskanal gerichtet. Es war total demütigend. Da habe ich mir überlegt, dass ich mir schnellstens Freunde suchen sollte, und ich schloss mich der netten kleinen Gruppe an, die jedes Wochenende dort war. Dorie und ihre Gang waren reine Nudisten, das heißt, sie waren ausschließlich da,weil sie gerne nackt herumliefen, ohne sexuelle Hintergedanken. An den Feiertagen brachte jeder etwas zu essen mit, und sie nahmen mich mit offenen Armen auf. Ich fühlte mich extrem wohl in ihrer Gesellschaft. Ich sah, wie Leute sich Insulin spritzten, sich mit Zahnseide die Zähne sauber machten, stinknormale Sachen, die man eben so macht, aber nackt sah es so lustig aus, dass ich einfach meine Kamera mitnehmen musste. Und weil ich auch nackt war, hatten die meisten Leute kein Problem damit, dass ich sie fotografierte, aber natürlich bat ich sie immer zuerst um Erlaubnis, wie ich es immer tue, bevor ich jemanden ablichte.
R.P.: Was ist das Beste an einem FKK-Strand?
N.H.: Ich hasse es. Badeanzüge zu kaufen, und bekomme beim Anprobieren Depressionen. Außerdem bin ich gerne nahtlos braun.Wenn man nackt geht, voilà, keine Angstgefühle mehr. Ich schätze, meine Motivation fürs Nacktsein ist reine Eitelkeit, es hat keine sexuellen oder naturalistischen Beweggründe.
R.P.: Gehst du auf Nudistencamps?
N.H.: Ich war auf Nudistencamps, aber mehr für meine Fotorecherchen. Ich liebe es zu beobachten, wie Leute ganz Alltägliches nackt machen, ohne Kleidung müssen sie ihren Stil und ihre Persönlichkeit anders zum Ausdruck bringen, wie zum Beispiel die amerikanische Flagge als Klitring.
R.P.: Ich weiß, dass viele mit der ganzen Familie in Nudistencamps gehen …Aber gibt es in diesen Camps nicht auch viele, denen es um Sex geht?
N.H.: Unglücklicherweise sind die Tage der Nudistencamps für die ganze Familie gezählt. Viele der Nudisten-Resorts, die auf Familien ausgerichtet waren, haben ihren Schwerpunkt verlagert, um zu überleben. Letzten Sommer war ich an einem Strand in Far Rockaway, Queens.Nach den New Yorker Gesetzen darf eine Frau oben ohne sein. Als ein Polizist vorbeikam, habe ich ihn gefragt, ob es okay sei, und er bestätigte es. Ich hatte nicht einmal 30 Sekunden mein Oberteil aus, da kreischte mich so eine unmögliche Frau an: "Zieh dein verficktes Oberteil wieder an, du dreckige Schlampe, hier sind Kinder, die müssen deine Titten nicht sehen, wir sind hier nicht in Europa!" Ich gab zurück, ihr Schandmaul würde ihre Kinder viel eher verderben, als wenn sie ein Paar Brüste sähen, aber dann sagte eine andere Frau, sie hätte kein Problem mit oben ohne, aber ich hätte ja "hässliche Hängetitten", was garantiert nicht der Fall ist. Ich war geschockt, aber später am Nachmittag habe ich dann die Zicke, die mich angeschnauzt hatte, beim Trockenficken mit ihrem Freund gesehen, nachdem sie die ganze Zeit geraucht und getrunken hatte, alles vor ihrem Kind. Es ist also okay, am Strand praktisch Sex zu haben, solange man dabei was anhat?
R.P.: Wie reagierst du,wenn du jemanden nackt siehst? Es geht um Ebenbürtigkeit: Wenn niemand etwas anhat, haben alle die gleiche Ausgangsbasis, oder? Meine eigene Erfahrung mit Nacktsein vor anderen ist, dass es mich entspannt … Fällt dir was ein, wie du dich dabei fühlst?
N.H.: Ich liebe es. Ich liebe es, dass Leute genug Selbstvertrauen und Sicherheit haben, das zu tun,wobei sie sich wohlfühlen. Offen gesagt sollte man bei vielen Nudisten annehmen, es wäre ihnen peinlich, sich vor anderen auszuziehen, aber der Tatsache, dass sie sich nicht drum scheren und sogar stolz darauf sind, so herumzulaufen, muss ich Respekt zollen. Ich glotze gerne. Ich liebe es, die unglaubliche Bandbreite von Körpertypen zu sehen. Dadurch, dass ich relativ jung und ziemlich gut in Form bin, bin ich im Vorteil. Manchmal fühle ich mich in meinem Körper unwohl,weil ich zugenommen habe oder nicht besonders straff bin, und wenn ich dann an einen Nacktbadestrand gehe, fühle ich mich wie Miss America. Das schmeichelt meinem Ego.

Seite 1 2 3 4 5
Naomi Harris. America Swings

Naomi Harris. America Swings

Naomi Harris, Richard Prince, Dian Hanson
Hardcover im Schuber, 14.6 x 11.4 in., 256 Seiten, $ 700
Jodi and Michael / Swingstock / Duxbury, MN/ Juli 2004. Foto: Naomi Harris
Drinking Franzia / Swingstock / Black River Falls, WI / Juli 2003. Foto: Naomi Harris
Lady Licking Whipped Cream / The Lifestyles Convention / Las Vegas, NV / Juli 2007. Foto: Naomi Harris