Olga – eine Annäherung: Die Frauen hinter und vor der Kamera
Von Catherine Millet. Aus 'Bettina Rheims, The Book of Olga'
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Der Anlass für diese Aufnahmen ist für die Künstlerin ebenso ungewöhnlich: Der Auftraggeber ist ein Ehemann, der so stolz auf die Schönheit seiner Frau ist, dass er sie mit Vergnügen den bedeutendsten Fotografen vorstellt, damit sie ihre Schönheit mit der Kamera festhalten und diese dann in die Welt hinaustragen. Somit bestätigt er eigentlich nur das Grundprinzip allen Begehrens, dessen Ursprung fast ausschließlich in dem Blick eines Zeugen oder den Blicken einer größtmöglichen Zahl von Zeugen liegt. "Die Erotik beginnt mit einem Dritten", konstatierte Salvador Dalí. Selbst Könige beugten sich diesem Gesetz: Soweit wir wissen, störte es Charles VII. nicht, dass seine Mätresse als unziemliche Jungfrau dargestellt wurde. Auch Henri II. hatte nichts dagegen, dass seine offizielle Geliebte Diane de Poitiers im Bildnis einer völlig nackten Jagenden Diana (um 1550, Musée du Louvre, Paris) wiederzuerkennen war, ebensowenig wie Henri IV., der seine Liebhaberin Gabrielle d'Estrées und ihre Schwester, beide mit nackten Busen, in einem der faszinierendsten Gemälde (um 1594, ebenfalls im Musée du Louvre, Paris) verewigt sah. Vermutlich sahen die Regenten in diesen Bildern – wie auch in den offiziellen Porträts mit ihren Insignien von Macht und Reichtum – Zeugnisse einer anderen Macht und eines anderen Reichtums. Heute sind die Verhältnisse selbstverständlich anders als zu Zeiten der absoluten Monarchen. Der Bürger einer demokratischen Gesellschaft – über welche Macht er auch immer Dank seiner Arbeit und seines Wohlstands verfügt – wird mit den Blicken seiner Mitbürger und ihrem Urteil konfrontiert. Hinzu kommt, dass Frauen heutzutage beides sind: Ehefrau und Mätresse. Tatsächlich gibt es bei unserer Auffassung von Ehe und Liebe nicht mehr jene Unterscheidung, die früher die Mutter der ehelichen Kinder von der Frau trennte, mit der der Mann das sinnliche Vergnügen teilte. Zeigt sich der Mann mit der einen, die ihn bei allen gesellschaftlichen Auftritten begleitet, zeigt er sich zugleich auch mit der anderen, was im Grunde genommen auch ein größeres Selbstbewusstsein erfordert.Was mich sofort beeindruckt hat, als ich auf Olga und ihren Mann traf, war die Besonnenheit, mit der sich beide auf die Inszenierung ihrer Gelüste und deren Veröffentlichung eingelassen haben. In ihrer Heimat hat man sie dafür scharf kritisiert und ihnen einen Prozess unter dem Vorwand gemacht, sie hätten die religiösen Gefühle Anderer verletzt (was mich an die Auseinandersetzungen mit konservativen kirchlichen Kreisen erinnert, die Bettina Rheims' Serie I.N.R.I. begleiteten). Aber die beiden haben sich gewehrt. Sie machen weiter und lassen sich nicht davon abhalten, ihr Recht auf die freie Entfaltung der Persönlichkeit einzufordern.
Wirkliche Personen sollte man nie mit den Bildern gleichsetzen, auf denen sie zu sehen sind. Als ich Olga fragte, ob es ihr nie peinlich sei, im Mittelpunkt all dieser erotischen Kompositionen zu stehen, antwortete sie entschieden mit "Nein", schließlich handele es sich hierbei um ein Spiel, und die, die man auf den Fotografien sehe, sei nicht wirklich sie, sondern eine Kunstfigur. Diese Frau, die in einem roten Korsett posiert, rittlings auf einen jungen Mann steigt, ihre Netzstrumpfhose zerreißt, um den Schmuck an ihren Schamlippen bloßzulegen, ist klug genug, um zu wissen, was sie da tut. Im Gegensatz zu vielen anderen Frauen und Männern, von denen es heißt, sie seien intelligent, die aber geradezu hysterisch reagieren, wenn man sie fotografiert – weil sie meinen, man raube ihnen damit einen Teil ihrer Persönlichkeit – weiß sie, dass ein Bild nur eine Illusion ist. All jenen, die glauben, sich beim Betrachten der Bilder eine Vorstellung von Olgas Person gemacht zu haben, rate ich, die letzten Seiten des Buchs abzuwarten. Auf dem vorletzten Foto steht Olga nackt und aufrecht da, die Hände auf dem Rücken, leicht gegen eine Wand gelehnt, nur die Samtmaske im Gesicht ohne jegliche Verkleidung. Das letzte Foto ist eine schelmische Hommage an Gustave Courbet. Für diese Aufnahme nahm Olga dieselbe Pose ein wie sie auf dem Gemälde Der Ursprung der Welt zu sehen ist: die Schenkel, das Geschlecht, ein Rumpf ohne Kopf. Es sind zwei widersprüchliche Bilder: einerseits die schüchterne Haltung eines Schulmädchens, andererseits die unverhüllte Darbietung des bloßen Fleisches. Doch es sind zwei Bilder eines Körpers, der sich genau in jenem Moment hingibt, da die Persönlichkeit, die ihn bewohnt – nicht ohne das Zutun der Fotografin – nahezu vollständig verschwindet.
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Der Anlass für diese Aufnahmen ist für die Künstlerin ebenso ungewöhnlich: Der Auftraggeber ist ein Ehemann, der so stolz auf die Schönheit seiner Frau ist, dass er sie mit Vergnügen den bedeutendsten Fotografen vorstellt, damit sie ihre Schönheit mit der Kamera festhalten und diese dann in die Welt hinaustragen. Somit bestätigt er eigentlich nur das Grundprinzip allen Begehrens, dessen Ursprung fast ausschließlich in dem Blick eines Zeugen oder den Blicken einer größtmöglichen Zahl von Zeugen liegt. "Die Erotik beginnt mit einem Dritten", konstatierte Salvador Dalí. Selbst Könige beugten sich diesem Gesetz: Soweit wir wissen, störte es Charles VII. nicht, dass seine Mätresse als unziemliche Jungfrau dargestellt wurde. Auch Henri II. hatte nichts dagegen, dass seine offizielle Geliebte Diane de Poitiers im Bildnis einer völlig nackten Jagenden Diana (um 1550, Musée du Louvre, Paris) wiederzuerkennen war, ebensowenig wie Henri IV., der seine Liebhaberin Gabrielle d'Estrées und ihre Schwester, beide mit nackten Busen, in einem der faszinierendsten Gemälde (um 1594, ebenfalls im Musée du Louvre, Paris) verewigt sah. Vermutlich sahen die Regenten in diesen Bildern – wie auch in den offiziellen Porträts mit ihren Insignien von Macht und Reichtum – Zeugnisse einer anderen Macht und eines anderen Reichtums. Heute sind die Verhältnisse selbstverständlich anders als zu Zeiten der absoluten Monarchen. Der Bürger einer demokratischen Gesellschaft – über welche Macht er auch immer Dank seiner Arbeit und seines Wohlstands verfügt – wird mit den Blicken seiner Mitbürger und ihrem Urteil konfrontiert. Hinzu kommt, dass Frauen heutzutage beides sind: Ehefrau und Mätresse. Tatsächlich gibt es bei unserer Auffassung von Ehe und Liebe nicht mehr jene Unterscheidung, die früher die Mutter der ehelichen Kinder von der Frau trennte, mit der der Mann das sinnliche Vergnügen teilte. Zeigt sich der Mann mit der einen, die ihn bei allen gesellschaftlichen Auftritten begleitet, zeigt er sich zugleich auch mit der anderen, was im Grunde genommen auch ein größeres Selbstbewusstsein erfordert.Was mich sofort beeindruckt hat, als ich auf Olga und ihren Mann traf, war die Besonnenheit, mit der sich beide auf die Inszenierung ihrer Gelüste und deren Veröffentlichung eingelassen haben. In ihrer Heimat hat man sie dafür scharf kritisiert und ihnen einen Prozess unter dem Vorwand gemacht, sie hätten die religiösen Gefühle Anderer verletzt (was mich an die Auseinandersetzungen mit konservativen kirchlichen Kreisen erinnert, die Bettina Rheims' Serie I.N.R.I. begleiteten). Aber die beiden haben sich gewehrt. Sie machen weiter und lassen sich nicht davon abhalten, ihr Recht auf die freie Entfaltung der Persönlichkeit einzufordern.
Wirkliche Personen sollte man nie mit den Bildern gleichsetzen, auf denen sie zu sehen sind. Als ich Olga fragte, ob es ihr nie peinlich sei, im Mittelpunkt all dieser erotischen Kompositionen zu stehen, antwortete sie entschieden mit "Nein", schließlich handele es sich hierbei um ein Spiel, und die, die man auf den Fotografien sehe, sei nicht wirklich sie, sondern eine Kunstfigur. Diese Frau, die in einem roten Korsett posiert, rittlings auf einen jungen Mann steigt, ihre Netzstrumpfhose zerreißt, um den Schmuck an ihren Schamlippen bloßzulegen, ist klug genug, um zu wissen, was sie da tut. Im Gegensatz zu vielen anderen Frauen und Männern, von denen es heißt, sie seien intelligent, die aber geradezu hysterisch reagieren, wenn man sie fotografiert – weil sie meinen, man raube ihnen damit einen Teil ihrer Persönlichkeit – weiß sie, dass ein Bild nur eine Illusion ist. All jenen, die glauben, sich beim Betrachten der Bilder eine Vorstellung von Olgas Person gemacht zu haben, rate ich, die letzten Seiten des Buchs abzuwarten. Auf dem vorletzten Foto steht Olga nackt und aufrecht da, die Hände auf dem Rücken, leicht gegen eine Wand gelehnt, nur die Samtmaske im Gesicht ohne jegliche Verkleidung. Das letzte Foto ist eine schelmische Hommage an Gustave Courbet. Für diese Aufnahme nahm Olga dieselbe Pose ein wie sie auf dem Gemälde Der Ursprung der Welt zu sehen ist: die Schenkel, das Geschlecht, ein Rumpf ohne Kopf. Es sind zwei widersprüchliche Bilder: einerseits die schüchterne Haltung eines Schulmädchens, andererseits die unverhüllte Darbietung des bloßen Fleisches. Doch es sind zwei Bilder eines Körpers, der sich genau in jenem Moment hingibt, da die Persönlichkeit, die ihn bewohnt – nicht ohne das Zutun der Fotografin – nahezu vollständig verschwindet.
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Bettina Rheims, The Book of Olga
Bettina Rheims, Catherine Millet
Hardcover in einer Schlagkassette, 11.5 x 17.2 in., 154 Seiten, $ 3000
Hardcover in einer Schlagkassette, 11.5 x 17.2 in., 154 Seiten, $ 3000


