Filme machen
Das Ingmar Bergman Archiv. Auszug aus einem Essay von Ingmar Bergman
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Alles Experimentieren enthält ja ein hohes und offensichtliches Risiko,weil man sich beim Experimentieren immer vom Publikum entfernt
Nirgends steht geschrieben, dass ein Filmregisseur froh, zufrieden oder glücklich sein muss.Wer sagt denn, dass man keinen Lärm machen, keine Grenzen überschreiten, nicht mit Sprengladungen spielen und sich und anderen ein Stück Fleisch abschneiden darf? Warum soll man Filmproduzenten keine Angst machen? Angst haben gehört zu ihrem Beruf, sie werden bezahlt für ihre Magengeschwüre! Filme machen ist aber nicht nur Problem und Dilemma, Finanznot, Verantwortungskonflikt und Angst. Insgeheim gibt es da auch Spiel, Traum und Erinnerung. Am Beginn steht oft ein Bild. Ein Gesicht, hell und blitzartig aufleuchtend, eine Hand, die sich erhebt, ein offener Platz in der Dämmerung,wo ein paar alte Weiber sitzen, zwischen sich auf der Bank eine Tüte mit Äpfeln. Oder ein Wortwechsel, zwei Personen, die plötzlich mit ganz eigener Stimme sprechen, sie stehen vielleicht abgewandt, ihre Gesichter sehe ich gar nicht, muss ihnen aber zuhören, warte, bis sie noch einmal kommen und ihre ganz und gar bedeutungslosen Worte wiederholen, die aber insgeheim getragen sind von einer Art Spannung, einer Spannung, die mir noch unbewusst ist, von verräterischer Süße. Das erhellte Gesicht, die wie beschwörend erhobene Hand, die Alten auf dem Markplatz und die wenigen sinnlosen Worte, wie blinkende Fische hängen sie in meinen Netz, vielmehr, ich selbst hänge in einem Netz, von dem ich glücklicherweise nicht weiß, wie es geknüpft ist.
Ziemlich bald, lange bevor das Motiv sich mir zur Gänze erhellt hat, unterziehe ich mein Fantasiespiel einer handfesten Haltbarkeitsprüfung. Ich stelle, sozusagen aus Spiel, mein unvollständiges und noch sehr zerbrechliches Konstrukt auf ein Kavalett, auf dem sich alle technischen Hilfsmittel des Filmateliers vor meinen Augen drehen. Diese imaginäre Haltbarkeitsprüfung ist die Nagelprobe für mein Motiv. Taugt es etwas?
Manche meiner Filme reifen sehr schnell zu fertigen Produkten heran. Das sind die zielbewussten Filme: schwer erziehbare, aber gesunde Kinder, von denen ich von vornherein sagen kann: "Ihr werdet die Familie durchbringen." Dann gibt es da die anderen Filme. Sie zeigen sich langsam, brauchen Jahre, verweigern sich einer technischen oder formalen Lösung, verweigern sich überhaupt jeder Lösung. Die abgewandten Gesichter sprechen, hinter dem Fensterkreuz erscheinen fremde Straßen, eine seltsame Weite, ein Auge funkelt im Dämmerlicht oder schwillt an zum Karfunkel und zerspringt mit glasklarem Klirren. Der freie Platz in der herbstlichen Dämmerung ist ein Meer, die alten Frauen werden zu dunklen, uralten Bäume, und die Äpfel sind spielende Kinder, die am Rand der Brandung Städte aus Sand und Steinen bauen.
Die Spannung liegt zum einen immer im geschriebenen Wort, zum andern in den Visionen sowie in einem gewaltigen Überschuss, der sich wie ein Brückenbogen darüber wölbt, bereit, aus eigener Kraft abzuheben, einer Kraft, die beim Fertigstellen des Drehbuchs das Wichtigste von allem ist, einer Kraft, die unverzichtbar ist, um das mächtige Rad tüchtig in Schwung zu bringen, die Dreharbeit.
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Alles Experimentieren enthält ja ein hohes und offensichtliches Risiko,weil man sich beim Experimentieren immer vom Publikum entfernt
Nirgends steht geschrieben, dass ein Filmregisseur froh, zufrieden oder glücklich sein muss.Wer sagt denn, dass man keinen Lärm machen, keine Grenzen überschreiten, nicht mit Sprengladungen spielen und sich und anderen ein Stück Fleisch abschneiden darf? Warum soll man Filmproduzenten keine Angst machen? Angst haben gehört zu ihrem Beruf, sie werden bezahlt für ihre Magengeschwüre! Filme machen ist aber nicht nur Problem und Dilemma, Finanznot, Verantwortungskonflikt und Angst. Insgeheim gibt es da auch Spiel, Traum und Erinnerung. Am Beginn steht oft ein Bild. Ein Gesicht, hell und blitzartig aufleuchtend, eine Hand, die sich erhebt, ein offener Platz in der Dämmerung,wo ein paar alte Weiber sitzen, zwischen sich auf der Bank eine Tüte mit Äpfeln. Oder ein Wortwechsel, zwei Personen, die plötzlich mit ganz eigener Stimme sprechen, sie stehen vielleicht abgewandt, ihre Gesichter sehe ich gar nicht, muss ihnen aber zuhören, warte, bis sie noch einmal kommen und ihre ganz und gar bedeutungslosen Worte wiederholen, die aber insgeheim getragen sind von einer Art Spannung, einer Spannung, die mir noch unbewusst ist, von verräterischer Süße. Das erhellte Gesicht, die wie beschwörend erhobene Hand, die Alten auf dem Markplatz und die wenigen sinnlosen Worte, wie blinkende Fische hängen sie in meinen Netz, vielmehr, ich selbst hänge in einem Netz, von dem ich glücklicherweise nicht weiß, wie es geknüpft ist.
Ziemlich bald, lange bevor das Motiv sich mir zur Gänze erhellt hat, unterziehe ich mein Fantasiespiel einer handfesten Haltbarkeitsprüfung. Ich stelle, sozusagen aus Spiel, mein unvollständiges und noch sehr zerbrechliches Konstrukt auf ein Kavalett, auf dem sich alle technischen Hilfsmittel des Filmateliers vor meinen Augen drehen. Diese imaginäre Haltbarkeitsprüfung ist die Nagelprobe für mein Motiv. Taugt es etwas?
Manche meiner Filme reifen sehr schnell zu fertigen Produkten heran. Das sind die zielbewussten Filme: schwer erziehbare, aber gesunde Kinder, von denen ich von vornherein sagen kann: "Ihr werdet die Familie durchbringen." Dann gibt es da die anderen Filme. Sie zeigen sich langsam, brauchen Jahre, verweigern sich einer technischen oder formalen Lösung, verweigern sich überhaupt jeder Lösung. Die abgewandten Gesichter sprechen, hinter dem Fensterkreuz erscheinen fremde Straßen, eine seltsame Weite, ein Auge funkelt im Dämmerlicht oder schwillt an zum Karfunkel und zerspringt mit glasklarem Klirren. Der freie Platz in der herbstlichen Dämmerung ist ein Meer, die alten Frauen werden zu dunklen, uralten Bäume, und die Äpfel sind spielende Kinder, die am Rand der Brandung Städte aus Sand und Steinen bauen.
Die Spannung liegt zum einen immer im geschriebenen Wort, zum andern in den Visionen sowie in einem gewaltigen Überschuss, der sich wie ein Brückenbogen darüber wölbt, bereit, aus eigener Kraft abzuheben, einer Kraft, die beim Fertigstellen des Drehbuchs das Wichtigste von allem ist, einer Kraft, die unverzichtbar ist, um das mächtige Rad tüchtig in Schwung zu bringen, die Dreharbeit.
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