Filme machen

Das Ingmar Bergman Archiv. Auszug aus einem Essay von Ingmar Bergman

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Dieser Tatbestand ruft, bzw. sollte einen unlösbaren Konflikt bei denjenigen hervorrufen, die sich mit der Hervorbringung und Verwertung von Produkten der Filmindustrie befassen.Wie oft sich die kommerziellen Partner schon versündigt haben, das dürfte den Rahmen des heutigen Vortrags sprengen, interessant wäre aber,wenn ein Wissenschaftler eines Tages ein Gewicht- oder Größenmaß erfinden würde, mit dem man messen könnte, wie viel Begabung, Initiative, Genialität und schöpferische Kraft die Filmindustrie in ihren ziemlich effektiven Fleischwölfen schon zermalmt hat. Zugleich muss man natürlich bedenken, dass der, der sich auf das Spiel einlässt, auch dafür bezahlen muss, es gibt im Grunde keinen Anlass anzunehmen, dass die Filmarbeit weniger rücksichtslos sein sollte als jede andere Art der Nutzung. Der Unterschied liegt wohl nur darin, dass die Brutalität so unmaskiert auftritt,was ja aber eher von Vorteil sein müsste. Der Balanceakt, den der ehrgeizige Filmemacher vollführt, ist halsbrecherischer als ein Salto mortale unter einer Zirkuskuppel ohne Netz und doppelten Boden. Hochseilartisten und Filmemacher leben mit dem gleichen unabsehbaren Risiko: man kann herunterfallen und tot sein. Das hält nun mancher eindeutig für übertrieben, so gefährlich ist das Filme machen ja wohl nicht. Doch, sage ich, genau so gefährlich.Zwar ist man, wie ich bereits sagte, ein bisschen Zauberkünstler, aber Produzenten, Bankdirektoren, Kinobesitzer oder Kritiker verzaubert kein Mensch,wenn das Publikum sich weigert, ins Kino zu gehen und das Scherflein abzugeben, von dem der Produzent, der Bankdirektor, der Kinobesitzer, der Kritiker und der Zauberkünstler leben muss!

Der Balanceakt, den der ehrgeizige Filmemacher vollführt, ist halsbrecherischer als ein Salto mortale unter einer Zirkuskuppel ohne Netz

Ich kann von einem ausgesprochen schmerzhaften und aktuellen Beispiel berichten, wie ich selbst in überaus riskante Schwankungen geriet. Ein besonders abenteuerlustiger Produzent stellte Geld für einen meiner Filme zur Verfügung, und ein enormer Arbeitseinsatz brachte nach einem Jahr den hier gezeigten Film Abend der Gaukler zustande.

Die Presse war durchweg verheerend, das Publikum blieb aus, der Produzent zählt seine Verluste, und ich darf zehn Jahre warten auf einen nächsten Versuch in diesem Genre. Sollte ich also noch zwei oder drei Filme machen, die sich wirtschaftlich nicht rechnen, dann ist der Produzent mit Recht der Ansicht, dass er es nicht wagen kann, meine Talente mit seinem Gold zu fördern.

Ganz plötzlich finde ich mich also als verdächtige Gestalt wieder, die Geld veruntreut. Ich brauche viel Zeit zum Nachdenken darüber,was mein so genannter künstlerischer Ehrgeiz eigentlich für einen Nutzen hatte. Man hat dem Zauberkünstler seine Apparatur weggenommen. Aus dem Spiel ist ein erbitterter Kampf geworden. Der Balanceakt vollzieht sich bei vollem Bewusstsein, und die Eckpunkte des Seils heißen Angst und Unsicherheit. Der schöpferische Akt ist eine zwingende Notwendigkeit, aus inneren Gründen ebenso wie aus äußeren, ökonomischen. Scheitern, Kritik, Kälte des Publikums schlagen heute tiefere Wunden als gestern. Die Wunden eitern, und es bleiben tiefe Narben.

Jean Anouilh spielte immer ein kleines Spiel, um die Angst vor jedem neuen oder begonnenen Werk in Schach zu halten. Er sagte sich: "Mein Vater ist Schneider. Er hatte viel Vergnügen am Werk seiner Hände: einem Paar prachtvoller Hosen oder einem eleganten Mantel. Freude und Zufriedenheit des Handwerkers. Stolz des Berufstätigen über sein Können."

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Das Ingmar Bergman Archiv

Das Ingmar Bergman Archiv

Erland Josephson, Paul Duncan, Bengt Wanselius
Hardcover + DVD, 16.2 x 11.8 in., 592 Seiten, $ 200
Liv Ullmann, Bibi Andersson und Ingmar Bergman am Set von Persona, 1966. Foto: Bo A. Vibenius, (c) Svensk Filmindustri
Bergman und Sven Nykvist bereiten eine Großaufnahme von Alma vor. Foto: Bo A. Vibenius, (c) Svensk Filmindustri