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Jeder Film ist mein letzter Film

Das Ingmar Bergman Archiv. Auszug aus einem Essay von Ingmar Bergman

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Ein kluger Mensch hat gesagt, man müsse seine Erfahrungen machen, bevor man 40 Jahre alt ist. Danach gibt man Kommentare ab. Ich würde sagen, dass es in meinem Fall umgekehrt ist.Niemand war sich seiner Theorien sicherer und hat sie bereitwilliger erklärt als ich. Keiner wusste mehr und sah weiter. Mit reiferem Alter bin ich etwas vorsichtiger geworden. Die Erfahrungen, die ich sammeln und allmählich einordnen konnte, sind von der Art, dass ich mich über die Kunst des Filmschaffens ziemlich ungern ausspreche ... Außerdem bin ich der Ansicht, dass das Werk der einzige Beitrag zur Debatte ist, den der Künstler leisten kann. Ich finde es nahezu unanständig, mich in das Gespräch einzumischen. Egal, ob ich nun Deutungen beisteuere, Berichtigungen oder Ausreden. Nein, das Inkognito des Künstlers war einst eine gute Sache. Seine relative Anonymität war eine Garantie gegen unwillkommene Beeinflussung, materielle Rücksichtnahme und Prostitution. In der heutigen Gesellschaft ist der Künstler eine immer schwerer unterzubringende und eigentümlichere Figur, eine Art Hochleistungssportler, der von einem Ergebnis zum nächsten hetzt. Seine Isolation, seine mittlerweile so geheiligte Individualität und artistische Subjektivität erzeugen viel zu leicht entzündliche Wunden und fiebrige Neurosen. Exklusivität wird zum Fluch, dessen man sich rühmt. Unerreichbarkeit ist Qual und Befriedigung zugleich ...

Was sich realisieren lässt, ist der Dialog, aber auch der ist ein empfindliches Ding, das Widerstand leisten kann

Am Beginn stehen oft sehr vage und unbestimmte Fötusbewegungen: eine Replik oder ein hastiger Wortwechsel, ein dunkles, aber attraktives Geschehen ohne besonderen Bezug zur aktuellen Situation. Insgesamt sind das sekundenschnelle Impressionen und sie verschwinden so schnell wie sie sich gezeigt haben. Am ehesten ähneln sie einem bunten Faden, der aus dem dunklen Sack des Bewusstseins hervorsticht.Wenn ich den Faden abzurollen beginne und das vorsichtig mache, dann kommt normalerweise ein ganzer Film hervor.

Der Rückschlag erfolgt meistens noch vor Beginn des Schreibens. Die Träume werden zu Spinnennetzen, die Visionen werden kalt, grau und gleichgültig, der Pulsschlag verstummt, übrig bleiben matte kleine Einbildungen ohne Kraft und Realität. Also habe ich beschlossen, wenn ich einen bestimmten Film machen möchte, will ich mir eine komplizierte und schwer zu meisternde Arbeit auferlegen: Rhythmen, Stimmungen, Atmosphären, Spannungen, Sequenzen, Tonarten und Düfte in Worte und Sätze fassen, zu einem lesbaren oder wenigstens einigermaßen lesbaren Drehbuch. Das ist schwer, aber nicht unmöglich.

Was sich zur Not noch realisieren lässt, ist der Dialog, aber auch der ist ein empfindliches Ding, das Widerstand leisten kann.Wir haben ja gelernt (oder sollten gelernt haben), dass der geschriebene Theaterdialog eine für den normalen Leser nur sehr schwer deutbare Partitur ist. Die Interpretation eines Dialogs verlangt technisches Können sowie ein gewisses Maß an Fantasie und Einfühlungsvermögen. Man kann einen Dialog darstellen, aber die Anweisungen dazu, wie er behandelt, rhythmisiert, strukturiert werden soll, in welchem Tempo er sich bewegt, was zwischen den einzelnen Sätzen eigentlich passiert, all das muss ich aus praktischen Gründen weglassen,weil eine so detaillierte Partitur unlesbar wäre. Regieanweisungen und Ortsangaben, Charaktere, Atmosphäre kann ich in mein Drehbuch noch hinein pressen und in fassliche Worte übersetzen. Dann aber geht es an die Essenz, und damit meine ich die Montage, den Rhythmus, den sinngemäßen Bezug der Bilder zueinander, die ganze lebenswichtige "dritte Dimension", ohne die der fertige Film ein totes Fabrikat ist.

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Das Ingmar Bergman Archiv
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Das Gesamtwerk von Ingmar Bergman: eine Reminiszenz an einen der größten Film- und Theaterschaffenden aller Zeiten. Bergman selbst unterstützte dieses Projekt und gewährte den Beteiligten freien Zugriff auf sein Archiv.


Das siebente Siegel, 1957. Foto: Louis Huch, (c) Svensk Filmindustri


Die Zeit mit Monika, 1953. Foto: Louis Huch, (c) Svensk Filmindustri