Natura sola magistra –der Wandel der Stadtikonografie in der Frühen Neuzeit

Von Stephan Füssel. Auszug aus dem Buch 'Städte der Welt'

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"Freundlicher und hochgeschätzter Leser, hiermit bringen wir das andere Buch von den vornehmsten Städten der ganzen Welt auf den Markt, von dem ich hoffe, dass es Dir sehr wohl gefallen wird, weil das erste Buch auf ein so großes Wohlgefallen gestoßen ist und so gut nachgefragt wurde, dass nun kein einziges Exemplar mehr vorhanden ist und um Geld zu erhalten wäre."

Mit dieser jubelnden Vorrede, einem Hinweis auf den überaus großen Verkaufserfolg der ersten lateinischen (1572), deutschen (1574) und französischen Ausgabe (1575) der Civitates orbis terrarum, eröffnet der Autor und Redakteur dieses einmaligen Weltbuches, Georg Braun (1541–1622), den zweiten deutschsprachigen Band im Jahre 1576. Da sich heute die zahlreichen unterschiedlichen Auflagen kaum voneinander unterscheiden lassen – es existieren allein acht verschiedene Auflagen des ersten Bandes in lateinischer Sprache – und darüber hinaus zahlreiche Stadtansichten auch einzeln verkauft wurden, ist man über diese euphorische einleitende Bemerkung nicht verwundert.

Braun kündigt an, dass er bereit ist, weitere Städte aufzunehmen, er bittet seine Leser geradezu "interaktiv" zu handeln und ihm doch Vorschläge über gewünschte Städte zu übermitteln: "Wer aber seine Vaterstadt oder seine Geburtsstadt in diesen beiden ersten Büchern nicht findet, so möchte ich doch freundlich auffordern, dass er diese nach dem Leben abmalen und mir zusenden solle, dann werde ich sie durch den kunstfertigen Franz Hogenberg artig reißen lassen, in das 1. oder in das 2. Buch einsetzen oder für das 3. Buch zurückhalten." Braun plante also sowohl erweiterte Neuauflagen als auch neue Bände.

Die Kommentarstruktur von Georg Braun

In der Vorrede zum zweiten Band bedauert Braun, dass er die Stadtbeschreibungen so kurz halten müsse und dass er viel habe weglassen müssen, was zu einer "vollkommenen Beschreibung zugehörig wäre". Man könnte sicher ohne Übertreibung sagen, dass man zu jeder Stadt "ein besonderes Buch" hätte schreiben können. Dazu habe naturgemäß der Platz gefehlt, aber er habe doch so getreu wie möglich alles berichtet, was zu einer "jeglichen Stadt entweder in bewährten Historien" geschrieben oder was ihm sonst von "glaubwürdigen Herren und Freunden schriftlich zugestellt" worden sei. Die Kommentare lassen nun Brauns Belesenheit und seine Bibliothek relativ genau rekonstruieren. Braun verweist häufig auf seine Quellen, in nicht wenigen Fällen sogar mit detaillierten Angaben auf die benutzten Ausgaben bzw. auf die jeweiligen Bücher oder Kapitel. Obenan stehen dabei die Heilige Schrift und die Kirchenväter, besonders Augustinus, gefolgt von griechischen und römischen Historikern, Staatsmännern und Geografen. Dieses klassisch antike Wissen überstrahlt in nicht wenigen Fällen eine Darstellung der gegenwärtigen Geschichte der Stadt, vor allen Dingen fällt auf, dass zumeist eine realitätsgetreue und an den Kupferstichen selbst orientierte Beschreibung der Stadt des 16. Jhs. mit ihrer Bausubstanz, ihren Kunstschätzen etc. fehlt. Brauns zeitgenössische Kommentare beziehen sich durchweg auf die Handelskraft, auf die Verfassung der Stadtregimenter, auf die Schulen und Hochschulen, auf die Namen und Lebensgeschichten berühmter Persönlichkeiten, gegebenenfalls auf die bevorzugten Handelswaren, Rechts- und Zollfragen etc.

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Seeschlacht; Detail aus der Ansicht von Wismar
Thunfischfang in der Nähe von Cádiz; Detail der Ansicht von Cádiz