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Julius Shulman mit 98 Jahren verstorben

Der legendäre Fotograf Julius Shulman, dessen Aufnahmen die modernistische Architektur auf den Punkt brachten und zu Ikonen wurden, ist im Alter von 98 Jahren gestorben.

Julius Shulman lebte von 1920 an in Los Angeles und fotografierte fast 80 Jahre lang zeitgenössische Architektur in Südkalifornien und der ganzen Welt. Seine Fotografie von Pierre Koenigs Case Study House Nr. 22 (1960) in Los Angeles und Richard J. Neutras Kaufmann House gehören zu den bekanntesten Ikonen der Architekturfotografie des 20. Jahrhunderts. Als Shulman 1936 die Kun Residence von Richard J. Neutra mit einer Vestpocket Kamera von Kodak fotografierte, geriet ihm sein Hobby zum Beruf: Neutra war so begeistert von der Aufnahme des jungen Shulman, dass er ihm gleich weitere Aufträge gab. Andere führende Architekten, Zeitschriften, Zeitungen oder Buchverlage taten es ihm gleich. Shulman gewann zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem die Ehrenauszeichnung für Architekturfotografie des American Institute of Architecture (1969), eine Auszeichnung für sein Lebenswerk vom International Center of Photography in New York (1998) und erhielt mehrere Ehrendoktortitel verschiedener akademischer Institutionen. Er starb am 15.7.2009 im Alter von 98 Jahren.

"Julius Shulman war einer der größten Fotografen und Bildgestalter des 20. Jahrhunderts. Auch in biblischem Alter inspirierte er noch ganze Generationen von Bewunderern, Fans und Freunden. Sein Haus stand jedermann offen, und aus aller Welt pilgerten tausende zu ihm als dem Mann, der das visuelle Gedächtnis der Moderne erschuf. Er war ein großzügiger, liebenswürdiger und einfühlsamer Mensch, dessen Erinnerungsvermögen es mit den neusten Computern aufnehmen konnte und der sich an jede einzelne seiner vielen Reisen ebenso erinnerte wie an jede Fotografie seines Lebens. Ich liebte ihn und schätzte mich glücklich, ihn zum Freund und als TASCHEN-Künstler zu haben."
—Benedikt Taschen

Das personifizierte Gedächtnis der Moderne

Die ersten Shulman-Fotos sah ich fast ein halbes Jahrhundert, nachdem sie aufgenommen wurden, in unserem Buch Architektur des 20. Jahrhunderts. Der Band erschien Anfang 1990 und avancierte schnell zu einem unserer wichtigsten Titel dieser Zeit. Obwohl sie ganz unterschiedliche Bauten zeigten, hoben sich Shulmans Fotos so deutlich von der Masse ab, dass ich seine Urheberschaft nach dem zweiten Durchblättern des Bandes schon leicht erkennen konnte. Was mich faszinierte, waren seine klaren Bildkompositionen, perfekt ausgeleuchtet und dramatisch inszeniert. Die Architektur wurde selbst zum Star, zum Objekt der Begierde und der Projektion einer besseren Welt – ganz wie in einem Hollywood-Film. Und anders als beim Großteil der damaligen Architektur-fotografie waren in vielen seiner besten Fotos „richtige“ Menschen Teil der Bildkomposition. Das waren großartige Neuigkeiten.

Zurück nach Hollywood ins Jahr 1994: Ich dachte mir, diesen Mann sollte ich mal kennenlernen und so rief ich ihn eines Morgens an. Eine freundliche Stimme meldete sich, ich stellte mich vor und er lud mich in sein Studio ein. Julius Shulman, damals 84 Jahre alt, saß an seinem mit Briefen und Magazinen überfüllten Schreibtisch und empfing mich herzlich. Er zeigte mir sein Archiv im hinteren Teil des Studios und der Begriff „vintage“ bekam für mich in Gestalt dieses Mannes eine neue Bedeutung. Ich fragte ihn, woran er arbeite und er zeigte mir ein umfangreiches Manuskript: seine Autobiografie. Ich fragte ihn, ob er schon einen Verleger hätte. Er verneinte und ich erwiderte, nun habe er einen.

Ein Jahr später erschien mit großem Erfolg Julius Autobiographie und es folgten Monographien zu Neutra, den Case Study Houses und der Band über die vergessenen Meister der Moderne, Modernism Rediscovered. Zwischenzeitlich wurde ich Julius’ Nachbar in den Hollywood Hills – sein wunderbares Steel- and Beam House von Sorriano liegt auf der Rückseite der Hügel meines Hauses. Ich begann, systematisch sein gesamtes Archiv durchzusehen, über 6000 Aufträge von 1936 an, jeden einzelnen Kontaktbogen, Abzug, alle Dias und Ektachrome. Sein Archiv, völlig undigitalisiert, war fein säuberlich sortiert und man konnte mühelos alles finden, wonach man suchte. Aber viel interessanter für mich war es, all das Ungesuchte zu entdecken. Und Julius, der im Nebenraum saß, konnte mir ad hoc alle meine Fragen zu den Gebäuden, den Architekten, Designern, Bauherren und selbst den Personen im Bild im Detail beantworten. Julius’ Erinnerungsvermögen ist unvergleichlich,
so erstaunlich präzise wie ein gigantischer Computer!

Es dauerte fast fünf Jahre, bis ich das letzte Foto im hintersten Winkel seines Studios angesehen und Julius meine Auswahl in Einzelheiten kommentiert hatte. Ich hatte also das einzigartige Vergnügen, nicht nur mit dem besten Fotomaterial arbeiten zu können, das zum allergrößten Teil auch farblich noch völlig frisch geblieben ist: ich wurde auch aus erster Hand mit allen Informationen versorgt. Es kam mir vor wie eine Zeitreise zu den Anfängen des Modernismus bis hinein in die 70er Jahre – mit Julius als Captain Kirk. Ich bin ihm sehr dankbar, für seine Arbeit, seine unermüdliche Hilfe und vor allem für seine Freundschaft. Ich hoffe, dass diese drei Bände auch dazu beitragen, dass die vielen unbekannten oder im Schatten der berühmteren Kollegen arbeitenden Architekten und Designer einem breiteren Publikum vertraut werden.

—Benedikt Taschen, Verleger

Julius Shulman, Modernism Rediscovered, 3 Vols.
Julius Shulman, Modernism Rediscovered
The Shulman Portfolios No 1 - 12

<em>1. Julius Shulman mit seiner Sinar Kamera, Los Angeles, 2007. Foto (c) Gerard Smulevich <br /> 2. Bei der Ver&ouml;ffentlichung von </em>Neutra: Complete Works<em> im Jahr 2000, 64 Jahre, nachdem der Architekt Shulman das erste Mal beauftragt hatte. Foto Benedikt Taschen <br /> 3. Julius Shulman in seinem Studio, 1998. Foto Benedikt Taschen</em>
1. Julius Shulman mit seiner Sinar Kamera, Los Angeles, 2007. Foto (c) Gerard Smulevich
2. Bei der Veröffentlichung von
Neutra: Complete Works im Jahr 2000, 64 Jahre, nachdem der Architekt Shulman das erste Mal beauftragt hatte. Foto Benedikt Taschen
3. Julius Shulman in seinem Studio, 1998. Foto Benedikt Taschen


<em>4. Julius Shulman besucht seinen Freund, Verleger und Nachbarn, Benedikt Taschen, Los Angeles, 2005. Foto (c) Eric Kroll<br /> 5. Julius Shulman und Benedikt Taschen beim Launch von </em>Modernsim Rediscovered, 3 Volumes<em>, Beverly Hills, 2007. Foto TASCHEN</em>
4. Julius Shulman besucht seinen Freund, Verleger und Nachbarn, Benedikt Taschen, Los Angeles, 2005. Foto (c) Eric Kroll
5. Julius Shulman und Benedikt Taschen beim Launch von
Modernsim Rediscovered, 3 Volumes, Beverly Hills, 2007. Foto TASCHEN

<em>6. Julius Shulman, Stahl Residence (Case Study House #22), Los Angeles, California, 1960 Pierre Koenig, Architect. Photo (c) J. Paul Getty Trust<br /> 7. Julius Shulman, Kaufmann Residence, Palm Springs, 1947 Richard Neutra, Architect. Photo (c) J. Paul Getty Trust<br /> 8. Julius Shulman, Malin Residence (&quot;Chemosphere&quot; House), Los Angeles, California, 1961 John Lautner, Architect. Photo (c) J. Paul Getty Trust</em>
6. Julius Shulman, Stahl Residence (Case Study House #22), Los Angeles, California, 1960 Pierre Koenig, Architect. Photo (c) J. Paul Getty Trust
7. Julius Shulman, Kaufmann Residence, Palm Springs, 1947 Richard Neutra, Architect. Photo (c) J. Paul Getty Trust
8. Julius Shulman, Malin Residence ("Chemosphere" House), Los Angeles, California, 1961 John Lautner, Architect. Photo (c) J. Paul Getty Trust